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Standard: Frankreich durchlebt gerade eine merkwürdige Zeit zwischen Schock und Revolte. Wird sie einfach vorbei sein mit der sicheren Wiederwahl von Staatspräsident Chirac am 5. Mai und einem neuen Parlament, das wieder eine Mehrheit für eine linke Regierung bringen könnte?


Camus: Es ist noch zu früh, um das zu beurteilen. Alle Wahlen der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass rechtsextreme Kandidaten im zweiten Durchgang mehr als nur die Addition der Stimmen für die Parteien von Jean-Marie Le Pen und Bruno Mégret erreichen können. Meine persönliche Prognose sind 30 Prozent für Le Pen in der Stichwahl. Dann kommen die Parlamentswahlen, und man wird mit Interesse die Strategie von Jean-Marie Le Pen verfolgen müssen. Seine Strategie ist eine Neuauflage der Kohabitation (Staatschef und Premier gehören verschiedenen politischen Lagern an, Anm.).

STANDARD: Und wie sieht diese Strategie aus?
Camus: Der Front National muss nur eigene Kandidaten in den rund 250 entscheidenden Wahlkreisen aufstellen und Dreieckskonstellationen von einem rechten, einem rechtsextremen und einem linken Parlamentskandidaten in den Stichwahlen aufrechterhalten. Die Bürgerlichen werden dabei verlieren, die Linke gewinnen wie schon im Jahr 1997.

Man kann sich also vorstellen - auch weil die Franzosen im Grunde die Kohabitation mögen -, dass es nach den Parlamentswahlen im Juni wieder eine linke Mehrheit gibt. Und das kommt Le Pen sehr recht. Warum? Kohabitation heißt permanenter Kompromiss zwischen Links und Rechts. Der Drang steigt damit, einen Kandidaten wie Le Pen zu wählen, der gegen das ganze System opponiert.
STANDARD: Sie sagen, die Franzosen mögen die Kohabitation. Doch gleichzeitig heißt es, die Franzosen seien gelangweilt oder im Gegenteil wütend über die Politik, was den Wahlerfolg von Le Pen erklären soll?
Camus: Die Franzosen sind nicht von der Kohabitation gelangweilt. Sie sind - zu Recht wie ich meine - gelangweilt von dem Gefühl, dass die Programme der beiden großen politischen Gruppen - Gaullisten, UDF auf der einen, die Linke auf der anderen - austauschbar sind. Was die Franzosen wollen, ist eine klare Debatte über klare politische Grenzen. Es passiert dasselbe wie in Ihrem Land mit den großen Koalitionen, die Haider den Weg bereitet haben.

STANDARD: Jean-Marie Le Pen hat gerade einmal 250.000 Stimmen zugelegt im Vergleich zu den Präsidentschaftswahlen vor sieben Jahren. Ist sein Einzug in die Stichwahl nur ein Unfall der Wahlarithmetik?

Camus: Nein, sicherlich nicht. Es war vorhersehbar, dass Le Pen sein Ergebnis von 1995 erreicht - 15,3 Prozent -, und es war am Ende nur ein wenig mehr - 16,4 Prozent. Was nicht vorhersehbar war, ist das mittelmäßige Ergebnis von Jacques Chirac und das sehr schlechte Abschneiden von Lionel Jospin. Zusammen mit der hohen Zahl der Nichtwähler hat das Le Pen in die Stichwahl gebracht. Die Meinungsforscher haben diese Zahl völlig unterschätzt.

STANDARD: Ist denn nicht allein der Umstand bemerkenswert, dass der FN leicht über die 15 Prozent-Marke kommt?

Camus: Man hat sich auch in einem anderen Punkt getäuscht. Jeder war der Meinung, dass der FN mit der Spaltung von 1998 und der Gründung der National-Revolutionären Bewegung (MNR) von Bruno Mégret erledigt sei.

Doch diese Spaltung zwischen FN und MNR hat nur den Parteiapparat betroffen, nicht die Wählerschaft der FN. Es gab weniger Parteiveranstaltungen, weniger Parteizeitungen, doch die Zahl der FN-Wähler in Frankreich lag schon 1988 bei 4,3 Millionen und ist nun auf 4,8 Millionen gestiegen. Das ist bedeutend, aber das ist kein Erdbeben.

(Jean-Yves Camus ist Mitautor
des 2001 im Czernin-Verlag
erschienenen Sammelbandes
"Rechtspopulismus. Öster-
reichische Krankheit oder
europäische Normalität"
von Wolfgang Eisenmann.) (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 25.4.2002)