Als ich Günter Eich, nachdem ich seine Übersetzungen chinesischer Lyrik gelesen hatte, fragte, warum er für ein Sinologiestudium 1930 die weite Reise aus der Mark Brandenburg nach Paris angetreten hatte, antwortete er: "Dort war ein guter Sinologe." Es fiel mir jetzt wieder ein, denn klingt "Le Pen" nicht fast chinesisch? Und wenn er vielleicht ein Chinese in Paris ist, warum ist er dann ausländerfeindlich? Guter Sinologe ist er sicher keiner. Auch in den von Martin Buber herausgegebenen Chinesischen Geister- und Liebesgeschichten hätte ein böser Geist namens Le Pen keine gute Figur abgegeben, diese Geschichten lassen für Undifferenziertes und Grobes gar keinen Raum. Auch nicht für "gesunde Ansichten", auf die sich Le Pen so oft beruft. Die Definition "gesunder Ansichten" wechselt und bleibt für die Mehrheit, auch in Paris, doch ein erstaunlich klobiger Teig, durch den sie sich selbst kneten lässt. In den Chinesischen Geister- und Liebesgeschichten gelingt es den Bedrohten oft, sich in Füchse zu verwandeln. Das hilft kurz der Tarnung. Aber das alte Chinesisch hat Le Pen nicht nötig, er sagt geradeheraus, was er nicht weiß und nicht wissen will, und erreicht mit solchen "gesunden Ansichten" - Ausländer raus, Frankreich über alles, Gaskammern ein Detail der Geschichte - "dich und mich" und den Rest derjenigen, die glauben, Politik müsse der Unterhaltung im Fernsehformat dienen und nicht der sachlichen Arbeit. Ablenkungen: Wenige Patienten wollen die Diagnose wirklich so genau wissen, nur grobe Ärzte sagen gerne: "unheilbar", manchmal, weniger gerne, auch: "heilbar". Bessere Ärzte nennen viele Stufen dazwischen. Leute wie Le Pen erklären aber gleich ganze Länder für "krank" - und heilbar auf simpelste Weise, einfach auf Kosten von anderen, Ausländern, "Sozialschmarotzern". Hauptsache, "es ist etwas los": Der Sommer kommt rasch, und keiner will nicht unterwegs sein. Ehe sie abfahren, beginnen Kleine und Große zu überlegen, was sie erfinden sollen, sobald sie wieder daheim sind: die Côte d'Azur, Feuerland, Kampen auf Sylt. Auch wer auf die Chinesische Mauer getreten ist, landet dann doch wieder in Schwechat oder wirft vor der U-Bahn-Station Westbahnhof einen Blick auf eine der Untaten Kaiser Franz Josefs, die trostlosen Ziegelkirchen am Gürtel. Nur wer aus Paris kommt oder im Fernsehen Le Pen kurz sehen musste, wird mit diesen Ziegelkirchen dann leichter fertig: Größenwahnsinniges und Borniertes gibt es hier schon lange. Warum reisen?
Die nächste "unglaubwürdige Reise" wird am nächsten Freitag angetreten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 4. 2002)