Wien - Dass Händel in den meisten seiner 42 Opern mehr zu bieten hat als halbfertige Treppenwitze und windschiefe Rachakte, war in der letztjährigen Odeon-Produktion der Musikwerkstatt, in Orlando , nachzuprüfen gewesen. Doch diesmal wäre sogar Machiavelli blass geworden. Denn die Geschichte um den in Indien und Ägypten wütenden Warlord Tamerlano, der einen türkischen Sultan besiegt, dessen Tochter begehrt, die ihn vergiften will, wurde nun in der radikalen Schauspielversion des Engländers Christopher Marlowe gegeben. Kombiniert jedoch mit der an raffinierten kompositorischen Ausdeutungen reichen Oper. Aber Stopp! Entsteht bei Marlowe in zwei mal fünf Akten ein gigantisches Panorama von Schlachten, Bluttaten und Intrigen (in der Titelrolle Jan Krawczyk), so wendete Händel das Blatt und setzte als wichtigste Partie des Stücks den Türken Bajazet (Marius Vlad, Tenor) ein. Jedenfalls herrschte ein ziemlicher Wirrwarr auf der Bühne, denn ständig waren gleichzeitig Sprech- und Sing-Protagonisten in Aktion. Was andererseits neue Sichtweisen erlaubte, etwa wenn der Andronicus bei Händel als melismensicherer Mezzosopran (Iulia Merca, die Entdeckung des Abends) und bei Marlowe als roher Schreihals (Laszlo Malecky) angelegt ist. Huw Rhys James hatte seine Musica Poetica Wien gut vorbereitet: Anstatt mit wummernden Saiten im Originalklang-Wahn zu versinken, spielte das Ensemble luftig, trotz kleiner Besetzung. Indem die Handlung permanent von Sprech auf Sing switchte und die Schauspieler den Sängern die Stichworte lieferten, machte das erstarrte Da-capo-Schema erstmals wieder einen Sinn. Die Musikwerkstatt bittet um den Hinweis, dass das Stück für die nächsten Vorstellungen gekürzt wird. (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 27./28. 4. 2002)