Wien - "Die Waren in die Regale schlichten reicht heute nicht mehr. Der Konsument will beim Einkaufen etwas erleben. Für diese Zusatzleistung kann und soll der Händler extra Geld verlangen." Der amerikanische Managementberater und Bestsellerautor Joseph Pine (The Experience Economy) sieht ein neues Wirtschaftszeitalter anbrechen. "Wir stehen am Übergang von der Dienstleistungsgesellschaft zur Erlebniswirtschaft", sagte Pine dem STANDARD. "Die USA sind Vorreiter dieser Entwicklung, aber auch in Europa und Asien verlangen die Leute mehr und mehr nach Inszenierung." Die Spielwarenkette Toys-R-Us etwa habe die Zeichen der Zeit erkannt. Pine: "Die haben in ihren neuen Flagshipstore in New York ein Riesenrad hineinbauen lassen, das bei der Fahrt spektakuläre Aussichten bietet. Wer damit fahren will, muss zahlen. Die Leute akzeptieren das auch." Produkterlebnis "Die Ware muss zu einem Erlebnis gemacht werden", postuliert Pine, und ist gleich mit einem weiteren Beispiel bei der Hand. "Die niederländische Bankengruppe ING hat durch die fortschreitende Automatisierung mehr und mehr den Kundenkontakt verloren und Geschäft eingebüßt. Die haben dann begonnen, in ihren Filialen Cafés einzurichten. Inzwischen betreibt die Bank auch abseits ihrer Niederlassungen Cafés, berät Besucher bei Cappuccino und Kuchen mit dem Effekt, dass die Zahl der neu eröffneten Bankkonten in kurzer Zeit nach oben geschnellt ist." Der Erlebnischarakter gelte auch für Produkthersteller. Laut Pine kommt es weniger darauf an, was ein Produkt kann, sondern darauf, was der Käufer damit erleben kann. Als Beispiel führte Pine den US-Sportartikelhersteller Rawlings an. Dieser hat einen Basketball mit eingebautem Chip auf den Markt gebracht, der die Geschwindigkeit anzeigt, mit der der Ball geworfen wird. Der Preis dieses Balls betrage das Sechsfache eines herkömmlichen, finde aber reißenden Absatz. Ein Fehler wäre es nach Ansicht des Managementberaters, wenn der Charakter einer Institution wie des Hotel-Café Sacher in Wien verändert würde. Pine: "Die Leute kommen wegen dieser Atmosphäre und wären verstört, wenn sie plötzlich etwas anderes serviert bekämen." (Der Standard, Printausgabe, 29.04.02)