von Thesy Kness-Bastaroli
Palermo - Obwohl seit zehn Jahren in und um Palermo kein Mafiamord erfolgte, wird der Name Palermo immer noch mit dem organisierten Verbrechen verbunden. Insofern war es das Anliegen des einstigen Bürgermeisters von Palermo, Leoluca Orlando, und seines Kulturassessors, Francesco Giambrone, ein Anti-Mafia-Symbol zu schaffen. Die Wahl fiel auf das Opernhaus Teatro Massimo. Denn 23 Jahre lang, gerade zur Hochblüte der Mafia in Palermo, war das "Ente lirico" geschlossen. "Es gab keinen offiziellen Grund für die langjährige Stilllegung", bestätigte Generalintendant Francesco Giambrone dem S TANDARD .

"Das Theater war weder abgebrannt noch zerstört, die Restaurierungsarbeiten waren längst abgeschlossen, trotzdem verhinderten gewisse politische Kreise jahrelang die Wiedereröffnung." Erst im Jahr 1997 gelang es Bürgermeister Orlando, sämtliche bürokratisch-politischen Hürden zu überwinden. Das Opernhaus, eines der barocken Juwelen der Stadt, wurde feierlich eröffnet und entwickelte sich seitdem zu einem der höchst avantgardistischen Kulturtempel des Landes. Die Feierlichkeiten zum fünften Jahrestag der Wiedereröffnung beginnen am 1. Mai mit einem Beethoven-Konzert der Berliner Philharmoniker.

Kein Geringerer als deren Chefdirigenten Claudio Abbado wird das Konzert dirigieren. Die Festlichkeiten enden Anfang Juni mit Viktor Ullmanns Oper Kaiser von Atlantis. Ben Kingsley ist als Sprecher vorgesehen. Zur Aufführung gelangt auch das Auftragswerk des sizilianischen Komponisten Giovanni Sollima Ellis Island. Regie wird Gianni Amelio führen, der sich für seine besonders sensible Behandlung von Emigrantenthemen einen Namen machte. Abbado wollte die letzte Tournee mit seinem Orchester in Palermo starten. Schließlich war er auch bei der feierlichen Eröffnung vor fünf Jahren präsent.

Musikakademie

Der Stardirigent plant, in Palermo, dem einstigen Mafia-und neuesten Musikzentrum, eine Musikakademie zu gründen, wie er dies vor Jahren bereits in Ferrara und in Bozen tat. Dem ausgebildeten Kardiologen, späteren Kulturassessor von Palermo (1995- 1999) und gegenwärtigen Generalintendanten des Opernhauses, Francesco Giambrone, ist es gelungen, das Massimo zu modernisieren und zu internationalisieren.

Bester Beweis dafür ist das Opernprogramm. Im Verdi-Jahr 2001 wagte es Giambrone, die Opernsaison mit Bergs Lulu zu eröffnen. Ein reißender Erfolg bei dem sonst konventionellen Publikum Palermos. Als einzigem Intendanten Italiens gelang es ihm im laufenden Jahr, für Brecht/ Weills Sieben Todsünden Sängerin Ute Lemper nach Italien zu bringen.

Und mit Schönbergs Moses und Aron (Musikdirektor Stefan Anton Reck) erntete er am vergangenen Wochenende 16 Minuten Beifall und internationale Erfolgskritiken. Nicht mehr Mafia-Chronisten, sondern Musikkritiker aus aller Welt pilgern inzwischen nach Palermo. Nur schade, dass die Amtstage von Giambrone gezählt scheinen. In Palermo fanden bei den jüngsten Gemeinderatswahlen politische Veränderungen statt. Das Mitte-rechts-Bündnis Polo della Libertà löste im vergangenen Herbst die bisherige Mitte-links-Koalition ab.

Selbst die Tatsache, das Giambrone als moderner Kulturmanager nicht nur das Teatro Massimo modernisierte und teilprivatisierte, sondern auch die Bilanz des Opernhauses mit einem für Italiens "Ente lirici" äußerst rarem, ausgeglichenem Ergebnis abschloss, wird die politisch gewollten Veränderungen nicht stoppen. Das Mandat des Sovrintendente läuft zu Jahresmitte aus. Womöglich auch die Blütezeit des Teatro Massimo.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.04. 2002)