Wien - In musikalischer Hinsicht muss über eine Osterweiterung nicht nachgedacht werden. Seit über hundert Jahren ist die gern einen Hauch ins Tänzerische driftende Effektmusik, einst als sentimental empfunden, Bestandteil des philharmonischen Geschehens. Valery Gergiev kitzelte im Musikverein mit den Philharmonikern noch aus den Punkten hinter den feurigen Noten der Dritten von Tchaikowsky glühende Begeisterung heraus.

Für des St. Petersburgers einzige Symphonie in Dur hatte das Orchester immerhin acht Kontrabässe auf die Rampe gehievt. Ein Zugeständnis, auf das sich meist nur handverlesene Dirigenten berufen können. Yefim Bronfmann ließ im 2. Klavierkonzert Sergej Prokofjews die Klang- und Motivebenen gegeneinander prallen.

Er braucht sich aber nicht mehr auf den Aplomb silbrig gehämmerten Glanzes verlassen, seine Technik ist ausgereift. Prokofjews vorangegangenem Werk hatte man einen gewissen Fußballcharakter angedichtet. Auch diesmal galt es zu treffen. Doch nicht immer schaffte es die Herrenriege (der Gergiev zuvor eine drastisch-flotte Version von Mussorgskis Nacht auf dem Kahlen Berge abgerungen hatte), die kreischenden Flächen der Bläser und Streicher schlaggleich auf die pianistischen Passagen aufzutürmen.

Auch die Symphoniker hatten eine Klavierbegegnung: Leif Ove Andsnes spielte fast permanent martellato, ließ die Hand aus niedriger Höhe auf die Tasten hinuntersausen und erzeugte so einen hart-forschen Klang. Zu Beginn des Finales von Schumanns a-Moll Konzert etwa hämmerte er die Akkordfanfaren des ersten Themas in den Flügel, ließ den heldischen Aspekt zu sehr auf Kosten der tänzerischen Euphorie überhand nehmen.

Prinzipiell ist er ja eher ein Sorgsamer. Jedes Tönchen ist wohlklingend geformt, sitzt präzise und adrett an seinem Plätzchen: Andsnes' Spiel ist so solide wie der norwegische Staatshaushalt. Bezeichnenderweise waren die Begleitfiguren das Interessanteste, Bemerkenswerteste in seiner Interpretation des Schumannschen Wunderwerks: unerhört regelmäßig und gleichzeitig atmend, in einem sanften Bogen geführt, zudem bewusst durchlebt auch noch im allerbeiläufigsten Schlenker.

Gewahrte Form

Mindestens so groß wie Andsnes' Musikalität ist aber auch sein Kontrollbedürfnis. Alles bleibt im Maß, wahrt Form: Andsnes spielt Klavier wie Thomas Mann schreibt. Das Gefühl ist domestiziert, dies aber perfekt. Schade. Und auch Yakov Kreizberg ist eigentlich ein Kontrolle-Freund. Nie wurde ein Taktstock in eckigeren, schnelleren Bewegungen geführt.

Bei Schostakowitschs Fünfter animierte er die Symphoniker zu Einsatzfreude und "Lautstärkepracht". Obwohl er das dynamische Mittelfeld vernachlässigte: Es war schön, er dirigierte mit Verve; das Orchester lebte - swingte mit. (henn/end/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.04. 2002)