Und jetzt auch das noch. Da macht der französische Medien- und Mischkonzern Vivendi Universal seit Wochen Schlagzeilen wegen rekordverdächtiger Verluste (13,6 Mrd. Euro), Kursstürzen (minus 38 Prozent seit Jahresbeginn), der Entlassung von Canal-Plus-Chef Pierre Lescure sowie Demissionsgerüchten um Patron Jean-Marie Messier. Entsprechend turbulent verlief die von 5000 Aktionären besuchte Hauptversammlung (HV) vergangenen Mittwoch in Paris. Messier gelang es jedoch, seine Haut zu retten und die meisten Resolutionen durchzubringen; die Wogen schienen geglättet. Umso größer war die Verblüffung, als Vivendi am Freitagabend die Einberufung einer neuen HV bekannt gab. Es bestehe die Vermutung, dass das elektronische Abstimmungssystem durch eine "betrügerische Einschaltung" manipuliert worden sei. Bei der HV waren zwei der 18 Resolutionen unerwartet zurückgewiesen worden, eine davon zu Stock-Options für verdiente Kader. Vivendi schöpfte Verdacht, weil die Stimmenthaltung ungewöhnlich hoch war, Nachfragen bei Großaktionären jedoch ergaben, dass sie sich keineswegs der Stimme enthalten hatten. HV-Wiederholung Messier wundern auch andere Abstimmungsresultate: Die Entlassung von Lescure war von 5000 Aktionären gebilligt worden, nachdem die - in der HV stark präsente - Belegschaft von Vivendis Pay-TV-Tochter Canal Plus so vehement dagegen protestiert hatte. Ein Ablenkungsmanöver der Saboteure? Messier kündigte an, dass der zweitgrößte Medienkonzern der Welt seine HV am 3. Juni in Paris wiederholen und am Montag Strafanzeige erstatten werde. "Dieser Zwischenfall geht weit über Vivendi Universal hinaus", meinte er. "Denn er wirft einen generellen Verdacht auf die elektronischen Abstimmungen" bei Aktionärsversammlungen. Informatiker räumen die Möglichkeit einer Computersabotage ein. Jeder Vivendi-Aktionär erhielt zu Beginn der HV eine Box mit drei Knöpfen mit der Aufschrift "Ja", "Nein" oder "Enthaltung". Festplatte wird beschlagnahmt Wenn es eine Manipulation von außen gab, fand sie bei der Weiterleitung der elektronischen Abstimmungssignale an die von Vivendi-Leuten kontrollierte Zentrale statt. Während der Generalversammlung kam es im Saal zu elektronischen Störungen, die einmal sogar den Finanzdirektor am Sprechen hinderten. Die französische Kleinaktionärsvereinigung Adam will aber am Montag die Festplatte des Abstimmungscomputers gerichtlich beschlagnahmen lassen, da sie Messiers "Hacker"-These keinen Glauben schenkt. Die Resolution zu den Stock-Options sei allgemein umstritten gewesen, sodass das Abstimmungsresultat nicht erstaune, meinte sie am Wochenende. (Standard-Korrespondent Stefan Brändle aus Paris, Der Standard, Printausgabe, 29.04.02)