Lothar Matthäus (41) saß am 1. Mai noch auf der Trainerbank von Rapid. Wohlwissend, dass die Partie gegen Schlusslicht Mödling sein letztes Spiel als Teamchef gewesen sein könnte. Am Abend davor sprach er mit Christian Hackl über Grundsätzliches. Matthäus hat sich mit der Situation abgefunden. Egal, ob er gehen muss oder bleiben darf.

STANDARD: Es ist nichts offiziell, aber man wird das Gefühl nicht los, dass Ihre Zeit bei Rapid abgelaufen sein könnte.

Lothar Matthäus: Wenn man die Zeitungen liest, ja. Man sollte Entscheidungen, die einen persönlich betreffen, als Erster erfahren. Das ist irritierend. Ich bin ein Mensch, der versucht, alles zu geben. Solange ich bei Rapid angestellt bin, setze ich mich voll ein.

STANDARD: Wie gehen Sie mit der Situation persönlich um?

Matthäus: Ich bin gerne bei Rapid. Wir hatten eine Strategie ausgemacht, die über zwei Jahre gehen sollte. Im ersten Jahr ging es darum, den Kader kennen zu lernen, neue Ideen reinzubringen. Das wäre sicher gelungen. Wir haben uns Gedanken gemacht, haben sehr gewissenhaft trainiert. Das Schiff war leider zu sehr auf falschem Kurs. Man konnte es in den wenigen Monaten nicht mehr in die richtige Richtung steuern. Wenn es sportlich nicht läuft, kommt das Gesetz, dass der Trainer dran glauben soll, zu tragen. Es gibt Vereine, wo es anders gehandhabt wird. Aber anscheinend wählt man hier die einfachste Möglichkeit. Vielleicht auch, um die eigenen Köpfe zu retten.

STANDARD: Fakt ist: Rapid ist Achter. Das ist die schlechteste Platzierung in der Klubgeschichte. Teams wie Bregenz oder Salzburg haben sicher keinen besseren Kader, haben aber deutlich mehr Punkte. Man könnte boshaft sein und sagen: Matthäus hat einen Rekord aufgestellt. Sie können nicht schuldlos an diesem Desaster sein.

Matthäus: Meine Schuld sollen andere beurteilen. Mein größter Fehler war, dass ich zu gutgläubig war, mich habe blenden lassen. Ich bin Kompromisse eingegangen, von denen ich nicht überzeugt war. Wegen der schwierigen Situation im Verein habe ich zugestimmt. Das würde ich nicht mehr tun.

STANDARD: Beispiele für ungewollte Kompromisse?

Matthäus: Keine Beispiele, das sind interne Angelegenheiten.

STANDARD: Rapid ist oder war Ihre erste Station als Trainer. Haben Sie die Aufgabe unterschätzt oder sich selbst überschätzt? Die Rechnung "Klassespieler ist gleich Klassetrainer" ist jedenfalls nicht aufgegangen. Sie haben ja auch keine Prüfung abgelegt.

Matthäus: Keine Trainerprüfung hin, keine Trainerprüfung her. Der schlechteste Trainer kann der Beste sein, wenn seine Mannschaft Charakter und Erfolg hat. Der Karren war so verfahren, es waren keine Ziele erreichbar. Da kann der Trainer noch so gut oder schlecht sein. Es fehlen die Charakterspieler, die den Unterschied zweier gleichwertiger Teams ausmachen.

STANDARD: Gerüchteweise haben Sie sich gegen eine Verpflichtung von Andreas Herzog ausgesprochen. Sollte das stimmen, hatten Sie ja gar nicht so Unrecht.

Matthäus: Ich werde über Andreas und andere Spieler nichts sagen. Leute, die im Verein Dinge ausgemacht haben, sollen sich vor den Spiegel stellen. Ich kann jeden Tag in den Spiegel gucken. Ich war ehrlich zu mir, zu den Verantwortlichen und ich war vor allem ehrlich zu den Fans.

STANDARD: Nach dem 1:6 in Salzburg haben Sie in der Kabine die Vertrauensfrage gestellt. Arbeiten einige Spieler gegen Sie?

Matthäus: Man konnte den Eindruck gewinnen, deshalb wollte ich die Diskussion.

STANDARD: Haben Sie ein Problem damit, Ihre Ideen zu vermitteln? Sie haben ja selbst gesagt, Sie hätten das Gefühl, als hörte man Ihnen nicht zu.

Matthäus: Das ist nicht nur im Fußball so, man hört generell zu wenig zu. Ich habe nur die Pflicht verlangt, nicht die Kür. Sie haben mental ein Problem, können ihr Potenzial nicht abrufen. Ich war 20 Jahre lang Profi und habe immer versucht zu tun, was der Trainer von mir verlangt.

STANDARD: Haben Sie sich den Trainerberuf so schwierig vorgestellt? Wäre es klüger gewesen, klein anzufangen?

Matthäus: Ich habe ja klein angefangen. In der österreichischen Liga. Ich dachte, bei Rapid habe ich die Möglichkeit und die Zeit, etwas aufzubauen. Schizophren ist, dass der gemeinsame Weg eigentlich erst jetzt stattfindet.

STANDARD: Wann wurde es eng für Sie?

Matthäus: Nach Niederlagen wird es immer eng für einen Trainer. Von den Spielern hört man nichts. Das sind erwachsene Menschen, Väter von Kindern, sie sollten verantwortungsvolle Männer sein. Wenn man sie fragt, wer was zu kritisieren hat, kommt nichts. Es gab in acht Monaten keine Beschwerde. Jeder versucht, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Im Endeffekt leide ja nicht ich. Es leidet Rapid, es leiden die Fans. Um Matthäus braucht man sich keine Sorgen zu machen. Ich habe die Mannschaft nie aufgefordert, für mich zu spielen. Sie sollen es für den Arbeitgeber und für die Fans tun. Solche Fans muss man auf der ganzen Welt suchen. Irgendwann lassen sie sich aber nicht mehr verarschen.

STANDARD: Sie haben keine Kür verlangt. Was ist die Pflicht?

Matthäus: Fußball ist ein ganz einfaches Spiel. Wenn alle Spieler zusammenhalten und alles geben, kommt der Erfolg raus. Das Potenzial ist gar nicht so entscheidend.

STANDARD: Widerspruch: Ist Fußball nicht kompliziert?

Matthäus: Nein, es ist einfach. Beim 1:1 gegen Austria waren die Gleichen auf dem Platz wie Tage später beim 1:6 in Salzburg. Es ist Charaktersache.

STANDARD: Fühlen Sie sich von den Medien ungerecht behandelt? Sie füllen ja vor allem den deutschen Boulevard. Mit Frauengeschichten, mit nicht überwiesenen Spenden von ihrem Abschiedsspiel. Kaliber wie Stefan Effenberg, Boris Becker oder eben Matthäus befinden sich oft an der Kippe zur Lächerlichkeit. Glauben Sie, dass es eine öffentliche Sehnsucht gibt, Helden fallen zu sehen?

Matthäus: Ich habe eine Sehnsucht nach Fairness. Ich pflegte immer einen offenen Umgang mit Journalisten. Es gibt immer welche, die glauben, etwas schreiben zu müssen. Ich hätte gerne mehr Ruhe in meinen Leben. Aber das wird nicht möglich sein. Auch dieses Schiff hat sich verfahren.

STANDARD: Haben Sie auch positive Erfahrungen bei Rapid gemacht? Prägen Niederlagen vielleicht mehr als Siege?

Matthäus: Ich sehe es nicht als Niederlage, weil das Konzept nicht abgeschlossen ist. Ich hatte Spaß am Training, sehe und sah Fortschritte. Es wären einige traurig, wenn ich gehen müsste. Ich habe mich mit beiden Situationen auseinander gesetzt, kann mit beiden leben. Ein Lothar Matthäus wird sich nicht einsperren. Ich bin kein Umfaller.

STANDARD: Konnten Sie eine Philosophie entwickeln?

Matthäus: Es ist ein Wechsel zwischen Zuckerbrot und Peitsche. Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Aber dort hast du als Trainer kaum Einfluss. Du bist von Spielern, die das Heft in die Hand nehmen, abhängig. Bei Rapid könnten das einige, aber die haben mit sich Probleme. Es herrscht Eifersucht. Aber wir sind auf dem Weg, eine Einheit zu schaffen. Es wäre schön gewesen. Vielleicht ist es noch schön.

(Christian Hackl, Der Standard, Printausgabe, 02.05.2002)