1500 Polizisten halten Marseille im Belagerungszustand, doch der berüchtigte Ordnungsdienst des Front National (FN) hat keine Mühe, beim Eingang zum Sportpalast die Spreu vom Weizen zu trennen: Während die schweigende Mehrheit der Herbeiströmenden geordnet in die Arena eingelassen wird, rufen ihnen ein paar Maghreb-Jugendliche aus sicherer Distanz "Fachos" zu. "Die sind gewalttätig, nicht wir", kommentiert FN-Sympathisant Marcel. Sein Kollege Georges fügt zur Bestätigung an, dass in den Gefängnissen von Marseille 80 Prozent Araber einsäßen. "Ich weiß das, ich war mal Polizist."

Rassist ist man beim FN deswegen noch lange nicht. "Ich bin in Algerien geboren und aufgewachsen; wir haben immer neben Arabern gelebt", erzählt Marcel. "Wir sind normale Leute, keine Faschisten." Ein junger Ordnungshüter mit Stahlblick und Lederjacke unterbricht: private Ausweiskontrolle. Ärger, Aggressivität. "Sie, ausländischer Journalist, sagen Sie Ihren Lesern, dass Le Pen der Retter ist und de Gaulle die Hure, die Frankreich 1962 in Algerien verraten hat. Wegen ihm ist mein Vater im Algerienkrieg nutzlos gefallen."

Aufklärung über Algerien, Frankreich, die Dekadenz, die Melonen. Melonen? "So nennen wir die Araber hier", lacht Marcel. "Ist nicht böse gemeint." Im Saal applaudieren auch 3000 Zuschauer der schwarzen Sängerin, die den Saal aufzuheizen sucht. Keine leichte Aufgabe: Die Ränge sind halbleer. Und da ist er schon, im Zweireiher und Silberhaar. Le Pen springt auf die blaue Rundbühne in der Saalmitte, die von einer riesigen Trikolore geschmückt ist. Er dankt allen höflich, die es "trotz Regen, Gegendemonstrationen und geschlossener Metro bis zum Meeting geschafft" haben. Er halte seinen einzigen Wahlkampfauftritt hier in der mediterranen Hafenstadt ab, weil sie ihm im ersten Wahlgang mehr Stimmen als allen anderen Kandidaten geschenkt habe.

Gegen Chirac zieht Le Pen alle rhetorischen Register: Der Staatschef ist an allen Übeln Frankreichs schuld, an Korruption und Dekadenz, an Mauscheleien und Machtmissbrauch, an Armee- und Justizzerfall. Jetzt läuft der Geiferer noch einmal zu Hochform auf und zeigt, was in ihm steckt. Ein Populist: "Der soziale Bruch verläuft zwischen denen, die das Maximum haben, und denen, die nicht einmal das Minimum bekommen". Ein Demagoge: "Das Volk lässt sich nicht in die Schlachthöfe der Euro-Globalisierung führen." Und ein brauner Nationalist: "Wir erleben die Zersetzung der französischen Substanz." Der große Entertainer zieht weiter seine Schau ab, lästert über seine zahllosen Gegner. Eine geschlagene Stunde lang.

Aber langsam wirkt er selber wie ein Kasperl. Etwa wenn er - als 73-Jähriger - Karateschläge vormacht: "Ihr wisst ja, was Karate ist - das sind tödliche Schläge, die man einen Millimeter vor dem Gesicht des Feindes abbricht." So wäre er mit Chirac in dem Tv-Duell umgegangen, wenn sich dieser nicht gedrückt hätte. Der Funke springt nicht mehr über, das Publikum unterbricht den Redner kaum mehr für "Le Pen président"-Rufe. Er selbst verspricht im zweiten Wahlgang eine "noch größere Überraschung als im ersten". Das heißt nicht viel. Der Glaube an den Sieg ist weg. Schnell noch ein "Vive la France", dann stimmt Le Pen die Marseillaise an, und schon ist er verschwunden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 4./5.5.2002)