Die Interessensgemeinschaft Architektur ist eine neue Kraft in der Szene, die nach innen und nach außen wirken und Architektur im besten Sinne des Wortes zu einem politischen Anliegen machen will. Vergangenen Samstag fanden in Form eines gigantischen Festes mit etwa tausend Feiernden im Semperdepot, dem Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste, quasi Taufe und Firmung einer neuen Architektur-Kraft statt, die sich künftig laut Gehör zu verschaffen gedenkt. Gehört hatte man bis dahin zwar schon einiges von der Interessensgemeinschaft Architektur (kurz IGA genannt), doch mit dem Fest und dem so genannten "going public" erfolgte der erste offizielle Auftritt des neuen eingetragenen Vereines, der mittlerweile über 120 Mitglieder stark ist und im übrigen keinerlei Subventionen empfängt.

IGA-Sprecher Jakob Dunkl, Architekt und Mitglied der Gruppe Querkraft, formuliert die Anliegen der Gruppierung folgendermaßen: "Die IGA ist eine offene Plattform von Architekten, sie will weder eine Berufsvertretung sein noch über Architektur im herkömmlichen Sinn publizieren. Der Grund, warum es uns gibt, ist der, dass wir alle mit dem derzeitigen Bild des Architekten in der Gesellschaft unglücklich sind, außerdem haben wir das Gefühl, dass man als Architekt aufgerieben wird, wenn man engagiert arbeitet, und das muss sich ändern."

Das Engagement des einzelnen in dieser seltsamen schwierigen Branche dient in den meisten Fällen hauptsächlich dazu, sein eigenes Honorar zu unterwandern und auszuhöhlen. Je preiswerter und auch besser Architektur gemacht wird, desto geringer sind die tatsächlichen Erträge, die an die Architekten zurückfließen, da Honorare jeweils nach einem gewissen Prozentsatz des Bauvolumens berechnet werden. Sorgfalt und Innovation wird im Fall der Architektur somit zumeist bestraft, und das, so Dunkl, sei nicht länger tolerabel.

Auch was Auslöser für die Gründung der Plattform war, ist rasch erklärt. Dunkl: "Es gab zwei Anlässe dafür. Einerseits wollte die Gemeinde Wien vor einiger Zeit von einem bestimmten "jungen" Büro eine Liste Gleichgesonnener, und statt ein paar Freunde zu nominieren, machten sich die Befragten ernsthaft Gedanken über dieses Anliegen und schickten dann eine Liste "engagierter" Büros. Das waren hundert. Und der zweite Anlass war das Wettbewerbsverfahren Katharinengasse. Da ist uns der Kragen geplatzt, denn das war nur einer von vielen Wettbewerben, bei denen man das Gefühl hatte, dass nicht das beste Projekt den ersten Preis gewonnen hatte. Damals gab es einen großen Unmut, der unter anderem zur Gründung der IGA geführt hat."

Was sind aber die konkreten Anliegen und Ziele der Architektenvereinigung? Und wie will man tatsächlich aktiv werden? Dunkl: "Wir haben ein Manifest verfasst, in dem wir drei Säulen als Anliegen formulieren. Wir sind eine Solidargemeinschaft, wir bilden ein Interessensnetzwerk und wir wollen als Impulsplattform wirken." Nachsatz: "Man muss auch ganz klar aussprechen, dass wir keinesfalls miteinander packeln wollen, sondern im Fall von Wettbewerben natürlich gegeneinander antreten, und zwar fair."

Überhaupt, so Dunkl, müsse die Fairness wieder Einzug halten im Geschäft des Bauens: "Denn gerade die Engagierten bluten sich in unserem Wettbewerbssystem aus. Es muss klargemacht werden, wie viel wir in dieses System hineinbuttern, und dass es reine Wirtschaftskriminalität ist, wenn Wettbewerbe geschoben werden. Wir wollen uns das nicht länger gefallen lassen."

An einer Stelle des Manifestes heißt es: "Wir vermitteln Kultur im engeren und erweiterten Sinne. Als Mitglieder einer offenen, aktiven Gesellschaft wollen wir diese durch unsere Aktivitäten ergänzen, was letztlich zu einer Qualitätssteigerung unseres gesamten Lebensraumes führt. Wir schaffen Mehrwert für Kultur und Gesellschaft, und wir wollen dafür entsprechend entlohnt werden. (...) Wir glauben an die Notwendigkeit der öffentlichen Diskussion über Architektur und wollen daher wieder politisch werden. Politisch in dem Sinne, dass wir öffentlich das Wort zu aktuellen, sozialen, gestalterischen, städtebaulichen und künstlerischen Fragen der Zeit ergreifen und so zur Meinungsbildung im sozialen und politischen Kontext beitragen."

Dunkl betont, dass die IGA nicht als "Jammerverein" auftreten will und dass es in jüngerer Zeit sehr wohl auch erfreuliche Tendenzen im Geschäft gebe, "etwa bei der MA 19 und bei der Gemeinde Wien im Allgemeinen. Es gibt auch immer wieder fair abgehaltene Wettbewerbe, doch wir wollen, dass diese Ausnahmen zur Regel werden, wir wollen auch Auftraggeber und Behörden auf diesem Weg bestärken und motivieren."

Tatsächlich gibt es in Österreich - und die Plattfom versteht sich als eine österreichweite - eine breite, stattliche Riege ausgesprochen guter Planer und Planerinnen, die, wie Gespräche, Gebäude, der Umgang untereinander und andere atmosphärische Qualitäten zeigen, eine neue, altersunabhängige Hoffnungsgeneration darstellen. Wenn sich diese Masse wackerer Streiter im Dienste der Sache tatsächlich verbünden und gemeinsam aktiv werden, kann man davon ausgehen, dass das träge System wirklich ein wenig in Bewegung kommen könnte.

Doch was veranlasst die IGAler zur Annahme, dass nicht auch in ihren Reihen Absprachen getätigt und unfaire Bündnisse geschlossen werden könnten? Dunkl: "Die Erfahrung spricht dagegen. Wir wollen die Fairness, und deshalb müssen wir sie auch untereinander unter Beweis stellen. Wir wollen keinen Stararchitektenkult, sondern gute Architektur." Was man ebenfalls nicht sein will, ist eine Art Gegenkammer zur bestehenden, man stellt sich vielmehr vor, eine "Art Stachel im Fleisch" zu sein, der gerade die unangenehmen Stellen der Branche berührt.

Nur etwa ein Drittel der IGA-Mitglieder ist in Österreich Kammermitglied, der Großteil verfügt über eine internationale Befugnis, und auch das ist ein Trend, der hinterfragenswert sein dürfte. Laut Dinkl sind die Rahmenbedingungen, unter denen man hierzulande in das Architektenberufsleben startet, im EU-Vergleich miserabel. Man wolle sich überhaupt für eine EU-weit gleiche Befugnis einsetzen. In welcher Form man "aktiv in die Baukultur" des Landes eingreifen will, wird sich zeigen. Dunkl denkt an "durchaus aktionistische, schnelle Aktionen", etwa an Transparente an unangenehmen Orten, und keine "höflichen Briefe". Der erste Protestakt fand bereits im Rahmen des going-public-Festes im Semperdepot statt, wo das Verfahren um das Kleine Festspielhaus in Salzburg scharf kritisiert wurde. (ALBUM, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 04./05.05. 2002)