Sie sind rund, rot und schmecken nach gar nichts - die Früchte, die man hierzulande meist erhält, wenn man Paradeiser kauft. "Heute soll ein Paradeiser gleichförmig und hart sein und möglichst lange halten", begründet Mario Bach von der gleichnamigen Gärtnerei in Wien diese Entwicklung, "Geschmack und Konsistenz spielen scheinbar keine große Rolle mehr."

Anders ist es jedenfalls nicht zu erklären, dass von über 400 verschiedenen Paradeisersorten - unsere deutschen Nachbarn bevorzugen den internationaleren Namen Tomate - nur ein knappes Dutzend im heimischen Handel erhältlich ist - und beileibe nicht die besten.

Um diesem Missstand abzuhelfen, kultiviert die Gärtnerei Bach neben "normalen" Paradeisern auch "Kasperlsorten", wie Chefin Eveline Bach die ausgefalleneren Gattungsvertreter liebevoll nennt. "Mein Liebling ist das ,Ei von Puketh', eine kleine, ovale Frucht in Creme-rosé-Ton", verrät die Gärtnerin, deren Sortiment 20-30 ungewöhnliche Paradeisarten umfasst.

Da gibt es gelbe und grüne, elfenbeinweiße und lila, sogar braune und fast schwarze Sorten, gezackte und längliche, walzenförmige und gekerbte, gestreifte und changierende. Und für Globetrotter die spezielle "Reisetomate", deren Fruchtkammern in viele Teilfrüchte "eingeschnürt" sind, die sich leicht in mundgerechten Stücken abbrechen lassen.

Im Gegensatz zu anderen Gemüsegärtnereien werden hier die Pflanzen noch in Erde (nicht in Substrat) kultiviert, und die Früchte bleiben an der Pflanze hängen, bis sie voll ausgereift sind - nur mit viel Sonne und Wärme kann sich der jeweilige typische Geschmack voll entfalten. (Lagert man die Früchte dann allerdings im Kühlschrank, geht auch das intensivste Aroma bald verloren, besser geeignet ist eine Speisekammer.)

Dabei sind es gerade Geschmack und Duft, die dem Paradeiser zu Kolumbus' Zeiten den Namen Liebes-, Gold-oder Paradiesapfel eintrugen. Von seinen gesundheitlichen Vorzügen - wenig Kalorien, umso mehr Mineralstoffe (Kalium, Magnesium, Eisen) und Vitamine (vor allem A, C und E) - wusste man damals noch wenig; heute hingegen raten Mediziner zu regelmäßigem Verzehr der saftigen, säurehaltigen Früchte, nicht zuletzt um Gicht, Krebs und Herzinfarkt vorzubeugen.

Wer sich nicht mit dem Paradeiserangebot im Supermarkt zufrieden geben möchte, kann auch selbst pflanzen: Ab Mitte Mai sind die Bachschen Sorten im Töpfchen erhältlich, die Preise liegen je nach Sorte zwischen 70 Cent und 1,20 Euro pro Pflanze.

Geerntet wird dann im August; davor fällt allerdings einige Arbeit an: Etwa einmal pro Woche muss der Haupttrieb mit einer lockeren Achterschlinge an einem Stock hochgebunden werden. Ebenso regelmäßig gilt es so genannte "Achseltriebe" zu entfernen (im Fachjargon: "ausgeizen"), um allzu buschiges Wachstum zu verhindern. Bewässerung von unten und Regenschutz reduzieren die Gefahr von Braunfäule, der häufigsten Paradeisererkrankung. Wem das zu mühsam ist, der kann die Früchte in der Gärtnerei Bach kaufen; eine Paradeiserverkostung wird im August stattfinden.

Echten Paradeiserfreaks sei schließlich eine Reise zum Loire-Schloss Boudaisière empfohlen: Dort herrscht Prinz Louis Albert de Broglie über mehr als 500 verschiedene Paradeisersorten. Nähere Infos im Internet. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5. 5. 2002)