Lange keinen Historikerstreit gehabt? Bitte sehr: Hier ist der neue Literaturhistorikerstreit, auf den die deutschsprachige Welt gewartet hat. Er kam fast aus dem Nichts, aber die feuilletonistischen Durchlauferhitzer haben ihn innert einer Woche zur nationalen Affäre hochgekocht. Die Anlässe sind teilweise so alt, dass man schon ganz schön lange geschlafen haben muss, um jetzt erst darauf zu kommen. Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser, den Willi Winkler kürzlich in der Süddeutschen Zeitung niedermachte, erschien vor sieben Jahren. Doch jetzt erst, ausgerechnet jetzt, fällt dem Kritiker auf, dass Schlink anscheinend "mit der Vergangenheit aufräumen" wollte. Gemeint ist die Vergangenheit, die hierzulande stets als zu bewältigende angesprochen wird. Gemeint ist die Nazizeit. In der Tat handelt Schlinks Geschichte von einem jungen Mann, der erfährt, dass seine ältere Geliebte eine KZ-Aufseherin war. Diese verstörende Geschichte erzählt Schlink ohne moralisierende Prätention in einer eigentümlich dürren, kalten Sprache, und egal ob es an der literarischen Form oder am faszinierend-heiklen Inhalt liegt: Das Buch wurde ein internationaler Bestseller wie nur wenige Werke aus Deutschland. Vor allem in Amerika ist Schlink - zusammen mit Günter Grass und Patrick Süskind - der zurzeit bekannteste deutsche Autor. Mit Grass ist allerdings bereits der zweite Schriftsteller genannt, dem vorgeworfen wird, Vergangenheitsbeschönigung zu treiben. Seine neueste Novelle Im Krebsgang hat eine fürchterliche Episode des Seekriegs im Jahr 1945 zum Thema, nämlich die Versenkung des deutschen Flüchtlingsschiffs "Wilhelm Gustloff" mit 9000 Menschen an Bord durch ein sowjetischer Torpedo. Grass, der bis dato nie im Verdacht gestanden war, reaktionäre Geschichtsauffassungen zu vertreten, musste sich plötzlich von der Neuen Zürcher Zeitung nachsagen lassen, er knüpfe mit seiner Sicht der Dinge an Äußerungen Adenauers über das Unglück der Deutschen an. Dasselbe Blatt, das mit seinem reptilienhaft verlangsamten Themenstoffwechsel im Kulturteil stets den Eindruck größter Gründlichkeit und Abgewogenheit erweckt, war jetzt ganz rasch zur Stelle, um in Deutschland eine "neue Unbefangenheit der eigenen Geschichte gegenüber" zu diagnostizieren, beziehungsweise eine "Transformation der Täter- in eine Opfergesellschaft". Selbst wenn dem so wäre - die angeführten Zeugnisse besitzen keineswegs die ihnen zugeschriebene Beweiskraft. Weder Grass noch Schlink noch Dieter Forte mit seinem autobiografischen Roman Der Junge mit den blutigen Schuhen noch Peter Schneider mit seinem jüngsten Werk Und wenn wir nur eine Stunde gewinnen taugen als Protagonisten einer mutmaßlichen Strömung deutschnationaler Schuldverleugner. Man kann ihnen stilistische Ungeschicklichkeit, literarische Uninspiriertheit und künstlerische Unfähigkeit vorwerfen, doch das sind gänzlich andere Kategorien als jene politisch-gesinnungsmäßigen, mit denen die Kritiker hier auftrumpfen. Es ist aber kein Zufall, dass diese Vermischung und Verwechslung passiert. In der Kulturkritik kommt dergleichen häufig vor. Es ist, um die ganze Wahrheit zu sagen, die älteste Krux der Hermeneutik, dass ästhetische und inhaltliche Perspektiven niemals gleich, aber auch nie scharf geschieden sind. Aber gerade deshalb mutet es schon seltsam an, dass ein englischer Germanistikprofessor den Angriff gegen Schlink anführte. In einem Leserbrief an das Times Literary Supplement ereiferte sich Jeremy Adler über die Verquickung von Liebe und Massenmord, von Sentiment und Barbarei: Es werfe ein trauriges Schlaglicht auf unsere verkehrte Welt, schrieb er, dass diesen Schundroman ausgerechnet ein deutscher Richter ausgebrütet habe. Diese englische Debatte hat Willy Winkler aufgegriffen und für die SZ um einen Tick verschärft, indem er Schlinks Roman als "Holo-Kitsch" qualifizierte. Das ließe sich als exzentrische Meinungsäußerung abtun, wenn nicht dahinter eine weitverbreitete Methode oder präziser: ein Methoden-Irrtum steckte. Auch der ist gar nicht neu und hat, so glaubte man, seine besten Zeiten bereits hinter sich. Vor etwas mehr als dreißig Jahren war es schließlich Mode, Künstler unter den Generalverdacht der System-Affirmation zu stellen; im Gefolge der 68er-Erregung wurden der Literatur die unglaublichsten Kriterien auferlegt: Sie habe in jedem Fall volkspädagogisch, progressiv, aufklärerisch, explizit und kritisch zu sein. Der Begriff "Political Correctness" war noch nicht erfunden. Damals flog alles aus den Regalen, was nicht nach Arbeiterdichtung klang, für deren Hervorbringungen sich freilich schon damals niemand wirklich interessierte. Die rabiaten Säuberungen betrafen alle Dichtung, sofern sie nicht in einfachen Worten zur Revolution aufrief, und alle erzählenden Texte, die sich mit dem Seelenleben des bürgerlichen respektive kleinbürgerlichen Individuums befassten. An jene Zeit fühlt man sich angesichts der jetzigen Literaturdebatte stark erinnert. Denn die Vorhaltungen, die den erwähnten Autoren jetzt gemacht werden, gehen über das Handwerkliche weit hinaus; sie sind ideologischer Natur, aber auf eine so verquere Weise, dass man sich durchaus mit ihnen auseinander setzen soll. Es geht immerhin um ein gravierendes Missverständnis von Literatur als solcher. So wie es zu den klassischen Kurzschlüssen schlechter Literaturkritik gehört, einen Romanschriftsteller mit seinen Romanfiguren zu identifizieren, so ist es sinnlos und verfehlt, ihm anzukreiden, dass er sich in die Figuren zu sehr einfühle. Ohne diese Fähigkeit der Einfühlung sind anrührende Beschreibungen gar nicht zu haben. Ja, die Arbeit eines Autors besteht neben dem Ringen um sprachlichen Ausdruck zuallererst darin, dass er die Personen, von denen er berichten will, im tiefsten Sinn versteht. Er muss ihnen so weit wie möglich geistig folgen - ein riskantes und prekäres Unterfangen, bei dem ihm vielleicht selber schwind- lig wird und er die Grenzen zwischen seinem Ich und den Gespenstern, mit denen er sich einlässt, bisweilen nicht mehr scharf sieht. Doch Verstehen ist etwas anderes als Verzeihen. Darstellen heißt nicht Rechtfertigen. Der Schriftsteller, der einen Massenmörder auftreten lässt, muss auch bereit und in der Lage sein, in dessen schwarzer Seele Motivationsforschung zu treiben. Er muss mit aller ihm zu Gebote stehenden Empfindungskraft in den Gefühlshaushalt des Unholds eindringen und ihn - zumindest ansatzweise - plausibel machen. Daraus folgt indes mitnichten, dass er ihn billigt oder verteidigt oder für ihn wirbt. Genauso wenig wie einem Rechtsanwalt durchweg Sympathisantentum mit seinen Mandanten zu unterstellen ist, braucht sich ein Schriftsteller die Beschuldigung gefallen zu lassen, er rechtfertige die Taten seiner Figuren. Das alles ist eigentlich ein alter Hut. Doch vor dem Hintergrund einer immer beliebiger werdenden Literaturkritik, die kein Fundament mehr aus Tradition, Kanon und Allgemeinbildung besitzt, sondern zu steilen Meinungsäußerungen im solipsistischen Medienbetrieb degeneriert ist, vor diesem Hintergrund nimmt es nicht wunder, dass gewisse Grundlagen des Geschäfts immer wieder neu verhandelt werden müssen. Dazu gehört auch die Erinnerung an einen Präzedenzfall, der sich von der gegenwärtigen Auseinandersetzung bloß durch das intellektuelle Format der Beteiligten unterscheidet. Vor 29 Jahren erschien in der Zeitschrift Merkur ein Aufsatz von Jean Améry, der sich mit einem französischen Roman befasste, welcher drei Jahre zuvor, 1970, den Prix Goncourt gewonnen hatte. Der Titel von Amérys Kritik war sprechend: Ästhetizismus der Barbarei, lautete er, und das Buch, auf das er zielte, war Michel Tourniers Erlkönig. In diesem Roman hatte Tournier gezeigt, welcher Art die Verlockungen waren, mit denen die Nazis die Jugend für sich gewannen. Unter dem Motto von Goethes berühmter Verszeile: "Gar schöne Spiele spiel ich mit Dir" erklärte er die Faszination des Faschismus als eine in erster Linie ästhetische Verführungskraft und führte dies an der Person des Abel Tiffauges vor. Er zeichnete diesen Pariser Garagisten, der in den Sog des braunen Deutschland gerät und sich als Kinderräuber in den Dienst der Napola stellt, als ein verirrtes und verwirrtes Seelentier, dem man seine tiefe Daseinsnot sofort glaubte. Tournier hatte diesen Menschen - und damit einen wesentlichen Teil des nationalsozialistischen Systems - verstanden. Genau dies verwandelte Jean Améry in eine wortgewaltige Anklage: Für ihn, der im KZ gesessen hatte, war eine Erzählperspektive, die auch die Täter mit menschlichen Zügen ausstattet, verabscheuenswürdig, sie war Ästhetizismus der Barbarei. Jean Améry war ein bedeutender Autor, sein literarisches Wissen, seine persönliche Noblesse und seine geistige Integrität waren den vereinigten Kritikergeschwadern von Süddeutscher, Neuer Zürcher und mancher anderen Zeitung überlegen, aber mit seinem Urteil über Tournier ging er fehl. Jede Beschäftigung mit einem Gegenstand schafft Ambivalenzen. Selbst im Hass steckt ein Moment der Hinwendung. Umso mehr setzt sich ein Schriftsteller, der zu verstehen sucht, ambivalenten Kräften aus. Es liegt in jeder Dichtung ein Moment von Beschwichtigung, insofern die lebensnahe und komplexe Ausarbeitung eines Charakters stets Mitgefühl hervorruft - und sei es noch so rudimentär. Verständnis aufzubringen bedeutet aber nicht notwendig, zu Verständnis aufzurufen. Und den Tätern eine Leidensgeschichte zuzuschreiben bedeutet noch lange nicht die deutsche Täter- in eine Opfergesellschaft zu transformieren. Worum es in der Literatur geht, ist die Geschichte; und die - wenn man ehrlich ist - besteht immer aus Leiden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. /5. 5. 2002)