Die Fische beißen nicht mehr wie früher. B. sagt es mit einer traurigen Inbrunst. Weil früher eigentlich alles besser war. B. spricht nur von früher. Als Pensionist und ehemaliger Beamter „beim Magistrat“ – B. wird nie präziser – ist das so: Ein Leben lang wartet man auf die Pension – und wenn man dort ist, hat man endlich Zeit, das Loblied Zeit beim Magistrat zu singen. So kollegial und g´miatlich. Der Refrain: Heute hackelt dort keiner mehr. Sitzen alle nur herum fürs liebe Steuergeld – und alles verkommt. Sogar die Fische. Die beißen nicht mehr wie früher. Man sollte nicht darauf hinweisen, dass die Fische – technisch gesehen – nie gebissen haben. Schließlich fischt B. hier seit immer mit dem Netz. Er hebelt Fische aus dem Wasser. Und alles was sonst noch im Donaukanal herumtreibt. Das, erklärt B. und kratzt mit seiner beringten Hand seinen Bauch, das, sagt B., wird auch schlimmer: Autoreifen, Luftmatratzen, Fahrräder und Schuhe habe er schon aus dem Kanal gehievt. Eigentlich alles - nur einen Toten noch nicht. Der Nachbar, ein paar Hütten weiter oben soll einmal tatsächlich eine Leiche aus dem Wasser gezogen haben. Früher, als die Zeiten besser waren. Das war aber in der Donau. Treppelgeschichten Damals, sagt B. und gräbt sich die letzte Milde aus dem Packerl, war es besser. Und die Fische haben besser gebissen, hier unten knapp vor dem Zusammenfluss von Donaukanal und Donau. Damals hatte er zwar kein Auto – aber er hätte damit auf dem Treppelweg bis zur Hütte fahren dürfen. Heute, B. besitzt einen Abfertigungs-Mercedes, muss er einen Kilometer flussaufwärts parken. Nur zufahren darf er. Aber wenn die Leute von Forstamt und Wasseramt einmal am Tag durchfahren, schimpft B. Wegen dem Lärm: Früher, da sind die mit dem Rad gefahren. Heute sind sie zu bequem, die Beamten. Und zu satt. B. ächzt. Es ist Saisonbeginn am Donaukanal. Es gilt, die Fischerhütte für Frühling und Sommer flott zu kriegen. Die alten Kurbeln, an denen die großen quadratischen Netze aus dem Wasser gehoben werden, müssen geölt werden. B. ächzt. Während seine Frau das Ölkännchen an die Zahnräder hält, nimmt er noch einen Schöpfer Kartoffelsalat aus der großen Plastikschüssel, den die Frau daheim mit dem Berg Schnitzel gemacht und dann vom Parkplatz zur Hütte geschleppt hat. Während sie ölt, isst B. - und klagt. Früher war alles besser. Auch seine Frau hat besser ausgesehen. Aber zum Glück fahren viele junge Mädchen mit ihren Fahrrädern oben am Treppelweg. Nur das mit den Fischen ist ärgerlich. Die beißen nicht mehr wie früher. B. wird der Stadt – der er seine besten Jahre geschenkt hat – nie verzeihen, dass sie die Kläranlage gebaut hat: Seit die da ist, gibt es weniger Fische. Das Wasser, sagt B., ist heute viel zu sauber. Die finden kein Futter mehr. Früher war alles viel besser. NACHLESE --> Parklife --> Rauchzeichen --> Missionarsstellungen --> Das Ende der Stadt --> Die Wiese --> Durch die Blume --> Der Aidsstecher --> Drei ist mehr als sechs und kleinlich --> Wenn Werber weinen --> Der Wichser --> Ausgerechnet Curling --> Fahrraddiebe --> Der Leuchtturm --> Weitere Stadtgeschichten...