Wien - Für einen Beobachter ist der Anblick eines First-Person-Shooters am Computermonitor tatsächlich befremdend. Der menschliche Spieler sitzt konzentriert vor dem Schirm, versucht quasi um die virtuelle Ecke zu spähen, ob dort ein Gegner lauert. Ist das der Fall, folgt eine schnelle Tastenkombination und das Thompson-Maschinengewehr speit Tod und Verderben auf den binären Feind.Während Kritiker dieser Spiele darin nun eine Desensi- bilisierung für Leiden der Opfer und die Konditionierung zum Töten sehen, haben die meisten Spieler und auch Wissenschafter einen anderen Standpunkt. Es gehe rein um die Lösung der gestellten Aufgabe, meinen sie. Thomas von Treichel ist Pressesprecher des deutschen Vereins "DarkBreed". Die Vereinigung veranstaltet seit fünf Jahren Spielturniere, die zwischen 20 und 2500 Teilnehmer anlocken. Verhaltensauffällig sei dabei noch nie jemand geworden, das Ziel sei rein der sportliche Wettkampf. Gerade das Spiel "Counter-Strike", das auch der 19-jährige Erfurter Amokläufer exzessiv gespielt haben soll, gehöre zu den beliebtesten in Deutschland; bei rund 500.000 aktiven Spielern, sagt von Treichel. Auch der Sozialpädagoge Jürgen Fritz, der sich seit zehn Jahren mit der Thematik beschäftigt und an der Fachhochschule Köln lehrt, glaubt nicht an die einfache Kausalität zwischen Gewaltspielen und Aggression. In einem Interview mit dem Mediendienst heise-online vertritt er die Ansicht, dass ein Geflecht von verschiedenen Verstärkern und Ursachenfolgen zu Amokläufen führen. Auch die Aufnahme des Geschehens am Bildschirm bewertet Fritz anders. "Wenn wir als Außenstehende solche Spiele sehen und das dann vergleichen mit dem Geschehen an der Erfurter Schule, glauben wir ganz frappierende Ähnlichkeiten zu entdecken. Aber es kommt nicht darauf an, was wir sehen, sondern was die Spieler erleben. Und die sehen offensichtlich etwas anderes als die Beobachter. Sie sehen im Grunde Handlungsanreize, die ihre motorischen Fähigkeiten stimulieren, und weniger Aufforderungen zum blindwütigen Morden." Ein generelles Verbot dieser Spiele lehnt Fritz daher ab. Sinnvoller wären positive Prä- dikate für wertvolle Spiele, wie sie auch in Österreich üblich sind. Fritz äußerst sich als überzeugt davon, dass dadurch auch ein ökonomischer Druck auf die Produzenten ausgeübt werden könne. (Michael Möseneder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 5. 2002) l