Wien - Nawal El Saadawi ist über die ägyptischen Landesgrenzen hinaus durch ihre scharfe Auseinandersetzung mit den Islamisten bekannt geworden - zuletzt stand sie im Zentrum fundamentalistischer Wut, nachdem sie gegen die "heidnischen Wurzeln" der Mekka-Wallfahrt, die Polygamie und das islamische Erbrecht polemisierte. In Wien, wo sie auf Einladung des "Vereins der ägyptischen Frauen und Familien" weilte, zeigte sie eine neue Seite: die der Globalisierungsgegnerin. Die 71-jährige temperamentvolle Psychiaterin und Autorin von drei Dutzend Büchern, von denen einige in Ägypten verboten sind, kam hierher aus den USA, wo sie lehrt - was sie nicht von Schimpftiraden gegen das kapitalistische US-System abhält. In Porto Alegre, Barcelona und zuletzt in Washington hat sie an Antiglobalisierungs- und Pro-Palästina-Kundgebungen teilgenommen, erzählt sie dem Standard. Was aber Yassir Arafat nicht etwa zum neuen Held der Antiglobalisierungsbewegung mache, versichert sie auf Anfrage lachend, der sei an seinem Elend nicht zuletzt selbst schuld. Sich jetzt auf ihn zu konzentrieren, sei nichts als ein "Trick" aller Beteiligten, um von den wahren Problemen abzulenken. Was hält Nawal El Saadawi von der Situation in den arabischen Ländern? Jordaniens König Abdullah hatte ja die USA vorige Woche vor dem "arabischen Volkszorn" gewarnt, wenn es nicht bald eine Friedensperspektive für die Palästinenser gebe. Saadawi zeigt sich ungerührt: Der König habe vor allem Angst um sich selbst, wie so viele andere arabische Regierungen - Ägypten, Saudi-Arabien - hänge er am Tropf der USA: "Die Leute sollen sich aufregen über die US-Interventionen in unserer Region, die Dominanz der Weltbank und des Währungsfonds und die Kooperation der arabischen Regierungen mit den USA und Israel." Die arabischen Führer seien "Sklaven" der USA. "Diese Diktatoren, die zu Hause die Leute umbringen oder zumindest ins Gefängnis werfen, sitzen vor US-Präsident George Bush wie die Schulbuben." Aber ist die realistische Alternative, falls diese Regime fallen, nicht etwas viel Schlimmeres: die Machtübernahme durch die Islamisten, die auch ihre, Saadawis, Feinde sind? "Das wird nur gesagt, um die Leute ruhig zu halten." Wenn es echte Freiheit in der arabischen Welt gäbe, hätten die Islamisten keine Chance, zeigt sich Saadawi überzeugt. "Die Alternativen zu den repressiven Regierungen im Nahen Osten werden totgeschwiegen, aber wir haben sie, brillante, kreative Männer und Frauen, die die Länder führen könnten, aber sie sind entweder emigriert oder im Gefängnis oder sie werden zensuriert." Deshalb müsse ja auch sie im Ausland lehren. Dann können aber die USA so schlimm nicht sein, wenn sie einer Saadawi ein Podium bieten? "Aber nicht jede Uni nimmt mich." Es passiere ihr auch, dass ihr Vertrag trotz Begeisterung der Studenten nicht verlängert werde - "weil ich das System exponiere. Und niemand veröffentlicht meine Artikel gegen Thomas Friedman und William Safire." Gegen die israelfreundlichen US-Medien lässt sich trefflich wettern, die riesige Pro-Palästina-Demonstration am 20. April in Washington hätten sie verschwiegen, klagt Saadawi, die halb so große Pro-Israel-Kundgebung sei auf den Titelblättern gelandet. "Wo bleibt da Demokratie und Redefreiheit?"(Der STANDARD, Print-Ausgabe 11.5.2002)