Klagenfurt - "Wennst nicht brav bist, kommst zum Wurst." So lautete ein beinahe geflügeltes Wort in Kärnten, um Kinder zu disziplinieren. Warum man sich aber vor Franz Wurst, dem angesehenen Kinderarzt und Primar der Heilpädagogischen Abteilung im Landeskrankenhaus Klagenfurt, fürchten musste, darüber wurde stets geschwiegen. Wer bei ihm landete, war automatisch ein Underdog, ein Stigmatisierter.

Erst Jahrzehnte später sollte das Schweigen gebrochen werden. Durch einen Mord. Das Opfer: Hilde Wurst, die Ehefrau, eine Kindergartenpädagogin. Sie wurde brutal erstickt. Der Mörder: Wursts Patensohn, Thomas H. Dieser hat die Tat bereits gestanden und beschuldigt den Patenonkel, ihn dazu angestiftet zu haben.

"Liebeslohn" verjubelt

So steht es auch in der Anklage. Und: Wurst habe mit ihm ein jahrelanges sexuelles Verhältnis gehabt und ihn dafür fürstlich bezahlt. Seinen "Liebenslohn", es waren "Millionen", verjubelt er sofort wieder. Die Familie profitiert ebenfalls. Weil das der "Frau Professor" ein Dorn im Auge war, habe sie sterben müssen. Das sei die Wahrheit. Thomas H.s Wahrheit.

Seit 8. April steht das ungleiche Paar nun vor dem Richter: Der "Herr Professor" (82) und Thomas H., ein Gescheiterter aus desolaten Familienverhältnissen: schon als Kind verhaltensauffällig, Drogen, Diebstähle und nun wohl auch ein Mörder.

H.s Aussage, von Wurst schon im Kindesalter missbraucht worden zu sein, hat einen nie da gewesenen Missbrauchsskandal in Kärnten ins Rollen gebracht. 70 ehemalige Patienten, heute bereits erwachsen, haben daraufhin Anzeige erstattet. Wurst soll sich bei Untersuchungen im Kindesalter ebenfalls an ihnen vergangen haben. Laut Anklage ist von intensivem Betasten der Geschlechtsorgane bis zu gleichgeschlechtlicher Unzucht mit Jugendlichen die Rede.

Sechs haben bisher als Zeugen die Vorwürfe bestätigt. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit. "Das untermauert die Glaubwürdigkeit meines Mandanten, der nicht nur Täter, sondern auch Opfer war", sagt Thomas H.s Anwalt, Gerhard Brandl. Hätte H. früher über seinen Missbrauch gesprochen, hätte ihm niemand geglaubt.

Aber da ist auch die Wahrheit des Franz Wurst. Der angesehene Arzt, Wissenschafter, Autor zahlreicher Lehrbücher: hochgebildet, charismatisch - eine Persönlichkeit, wie ihn ehemalige Mitarbeiter und Schüler beschreiben. Sie wollen großteils nichts gehört und nichts gesehen haben. Bis auf einen Erzieher, der sich an eine einschlägige Situation erinnert. Wurst weist alle Anschuldigungen zurück. Die teils nächtlichen Untersuchungen an nackten Kindern, die intensive Beschäftigung mit deren Genitalien, die Nacktfotos: alles ärztlich und wissenschaftlich begründbar.

"Wurst wurde ja noch in der Typenlehre, die in der Nazizeit vorherrschend war, ausgebildet. Daher waren seine Untersuchungsmethoden sehr körperorientiert", sagt Wurst-Verteidiger Helmut Sommer. Die damaligen kleinen Patienten, oftmals verhaltensgestört, hätten das vielleicht falsch interpretiert: "Nach 30 Jahren kann man sich nicht mehr genau erinnern."

H. habe seinen Patenonkel "wie eine Weihnachtsgans ausgenommen". Als Wurst offenbar begann, die Kontrolle über sein Vermögen zu verlieren, sei Hilde Wurst eingeschritten. Da habe H. sie umgebracht, weil er Angst hatte, die Geldflüsse würden versiegen. Und Wurst selbst sei wegen seiner Altersdemenz gar nicht verhandlungsfähig.

Ein vom Gericht bestelltes neuropsychiatrisches Gutachten konstatiert zwischen beiden ein "höchst auffälliges psychisches Abhängigkeitsverhältnis". Es spricht aber auch von einer "totalen Autoritätsumkehr". Demnach habe Thomas H. den alten Mann, der ihn vergötterte, psychisch in der Hand gehabt.

Die Wahrheit über den Tod Hilde Wursts herauszufinden ist letztlich Aufgabe der Geschworenen. Und sie müssen auch den Grauschleier lüften zwischen verbotener Triebbefriedigung und ärztlichen Untersuchungspraktiken. Der Prozess geht am 13. Mai in die nächste Runde. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 05. 2002)