Wer keine Nazis mag, gilt in den Augen eines gewissen honorigen österreichischen Bürgertums als links, wenn nicht gar als "linkslinks". So galt die Abneigung der meisten Medien am 8. Mai mindestens ebenso sehr jenen, die gegen, wie denen, die für das Trauergedenken an die "totale Niederlage" im Jahre 1945 demonstrierten. Anders als in Frankreich, wo die demokratische Rechte einhellig gegen Jean Marie Le Pen auftrat. "Man" demonstriert hierzulande nicht gegen Rechtsaussen, auch wenn man keine Sympathien für die Verteidiger der ordentlichen Beschäftigungspolitik im Dritten Reich hegt.

Eigentlich seltsam, denn weder in Österreich noch in Deutschland haben die Konservativen Grund, sich für ihre Rolle in der Nazizeit mehr zu genieren als andere. Sicher, viele konservative Bürger waren Nazis, aber nicht mehr als ehemalige Wähler der Sozialdemokraten. Und im Widerstand gegen Hitler waren Konservative überaus ehrenwert vertreten. Die Bewegung des 20. Juli, wohl die am ernstesten zu nehmende Aktion gegen die Diktatur, ging von stockkonservativen Offizieren und deren Freunden aus. Warum mehr als fünfzig Jahre später offen geäußerte Ablehnung des Gedankenguts der Ewiggestrigen als ausschließlich linken Ursprungs wahrgenommen wird, ist nicht wirklich einzusehen.

Man kann verstehen, dass die ÖVP keine Freude hat, wenn zwischen manchen Sagern ihrer Koalitionspartner und Ideen aus der Nazizeit ein Zusammenhang hergestellt wird. Dass der ÖVP-Klubobmann gegen Rudolf Edlingers mittlerweile berühmtes ironisches "Sieg Heil" nach einer besonders irritierenden FPÖ-Rede protestierte, ist nachvollziehbar. Aber die Riesenaufregung darüber auch in den Zeitungen scheint dem Normalbürger zumindest übertrieben. Darüber nachzudenken, wo die Ursprünge vieler Gedanken und Haltungen der größeren Regierungspartei liegen, darf nicht tabu sein.

Andererseits war von allen unmöglichen Sprüchen diverser FPÖ-Würdenträger die Aussage des FPÖ-Abgeordneten Wolfgang Jung, er glaube nicht an die österreichische Nation und betrachte sich dem "Volkstum" nach als Deutscher, noch eine der akzeptableren. Deutschnationale hat es schon vor Hitler gegeben. Man kann und soll gegen diese Auffassung argumentieren, aber aussprechen muss man sie dürfen. Das hält die Demokratie aus.

Dass dem so ist, verdanken wir nicht zuletzt der EU, in der sowohl Deutschland wie Österreich Mitglieder sind. Noch vor zwanzig Jahren hätte ein solcher Ausspruch gefährliche Sprengkraft besessen. Heute ist so etwas eine mehr oder weniger harmlose Privatmeinung.

Weniger harmlos als die unerwiderte Liebe zur deutschen Nation ist da schon die schleichende Vergiftung weiter Bereiche des öffentlichen Lebens - von der Justiz- bis zur Europapolitik -, die von den Freiheitlichen ausgeht. Hier ist Protest am Platze, und zwar durchaus nicht nur vonseiten des "grünmarxistischen Mobs" (Copyright Ewald Stadler). Im Koalitionsinteresse alle Grauslichkeiten zu ignorieren oder schönzureden mag für ÖVP-Funktionäre notwendig sein, aber nicht für ÖVP-Wähler.

Dass auf den Straßen friedlich gegen den Burschenschafter-Aufmarsch protestiert wurde, hat Österreichs Ansehen keineswegs geschadet. Hier wurde kein "Zerrbild" gezeigt, wie der Kanzler meinte, sondern das Bild einer normalen demokratischen Gesellschaft, die Trauerveranstaltungen anlässlich der Niederlage des Dritten Reiches nicht kommentarlos zur Kenntnis nimmt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 05. 2002)