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Foto: Reuters/ STEPHEN HIRD
Genervte britische Bahnkunden haben ein neues Reizwort für ihren Frust: Weiche 2182. Weil Nummer 2182 versagte, entgleiste der Regionalzug von London nach King's Lynn, kamen sieben Menschen ums Leben. Die Unglücksursache ist ebenso banal wie typisch für die Misere auf Englands Schienen: An einem Eisenteil, das die Weiche stabil hält, fehlten Muttern. Als der Zug am Freitag über die Weiche donnerte, sprang sie um. Der letzte der vier Waggons entgleiste und schlitterte in voller Breite auf den Bahnsteig des Londoner Vorortbahnhofs Potters Bar zu. Dabei hatten Gleisarbeiter die Weiche erst vierundzwanzig Stunden zuvor kontrolliert und keinen Defekt festgestellt. "Vielleicht waren Vandalen am Werk", glaubt John Armitt, Chef des Schienenbetreibers Railtrack. Jemand könnte die Schrauben gelockert haben. Ein Sabotageakt also. Kenner des englischen Bahnbetriebs halten Schlamperei für den wahrscheinlicheren Grund. Schließlich gehört die Strecke von London über Potters Bar in Richtung Norden zu den meistbefahrenen überhaupt. "Da turnen doch höchstens Lebensmüde auf den Schienen herum", sagt Bob Crow, Vorsitzender der Transportarbeitergewerkschaft. Für Crow ist der Fall ziemlich klar. "Vor vier Monaten wurde die Unglücksweiche zum letzten Mal richtig untersucht. Ein Skandal". Bereits im Oktober 2000 war in Hatfield, fünf Meilen von Potters Bar entfernt, ein Zug aus den Schienen gesprungen. Schuld war ein gebrochenes Gleis; vier Passagiere starben. Praktisch alle Regierungen seit dem Zweiten Weltkrieg steckten zu wenig Geld ins alternde Netz. 1996 wurde die British Rail im Eiltempo privatisiert, Investitionen wurden aufgeschoben. Die Unfälle häuften sich, 59 Tote seit 1997. Erst im Jänner kündigte Premier Tony Blair an, in den nächsten zehn Jahren rund 90 Milliarden Euro in die marode Bahn zu pumpen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 05. 2002)