Wien - Geredet wurde drei Stunden lang über Jugendliche und Gewalt, hochkarätig, differenziert und, um mit Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) zu sprechen, "in einer Stille wie in der Kirche". Jünger als 25 war keiner im Saal, doch die Experten im Bundeskanzleramt schienen alle Facetten des Problems zu kennen, als Psychiater, Pädagogen, Schuldirektoren, als Ministerialbeamte, Minister, Vizekanzlerin und Kanzler.Geredet werde viel zu wenig, meldete sich die Schriftstellerin Renate Welsh zu Wort. Richtig geredet, meinte sie, mehr als nur kurze Antworten auf Standardsätze aus Eltern- oder Lehrermund wie "Wie war es in der Schule?" oder "Erzähl doch mal!". Doch das Sprechen über Gefühle tiefer persönlicher, durch Schulversagen ver- stärkter Unzulänglichkeit, wie sie laut Jugendpsychiater Werner Leixenring am Beginn der meisten Gewaltausbrüche Jugendlicher stehen, ist schwer: Drei Viertel der 37 US-amerikanischen Schul-Amokschützen der letzten Jahre hätten sich "vorher auffällig verhalten". Nur in zwei Fällen seien diese Beobachtungen "weitergegeben worden", zitierte Schüssel aus einer US-Studie. Deshalb sollten für sämtliche Lehranstalten "obligatorische Notfallpläne" ausgearbeitet werden, schlug vom Podium aus der frühere oberösterreichische Landesschulrat Johannes Riedl (VP) vor. Sowie - eine Idee von Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer (FPÖ): "Die Lehrer könnten ihren Unterricht prinzipiell in der Schule vorbereiten" und so den Schülern "als Ansprechpersonen bei Problemen zur Verfügung stehen". "Das wird erst funktionieren, wenn die Lehrer nicht mehr Notengeber sind", kommentierte in der ersten Zuschauerreihe die Psychotherapeutin Rotraud Perner. Scheidung "gefährlich" Also sprach man über die Familie, jene laut Riess-Passer "ermattete" Institution, mit der sich im Krisenfall die Pflegschaftsgerichte befassen. Dann nämlich, wenn eine Scheidung ansteht, welche - laut Justizminister Dieter Böhmdorfer (FPÖ) - für die Kinder "ein hohes Potenzial an Gefährdung" bedinge. Ein Grund, warum in Sachen Gewaltprävention besonders "für Kinder aus geschiedenen Ehen ein Netz geknüpft" werden müsse. Und was sei mit jenen, die "in nur nach außen hin intakten Verhältnissen" aufwüchsen? Zuerst schien der Theologe Paul Zulehner mit Böhmdorfers Worten nicht ganz glücklich zu sein. "Immer wieder stelle ich fest, dass wir noch immer einem Familienideal anhängen, das es nur noch selten gibt", brachte dann, als Zweiter, der Grazer Kinder- und Jugendpsychiater Peter Scheer den gesellschaftlichen Stand der Dinge zu seinem Recht. Anders tun als sagen Zu rechnen, so Scheer, sei überdies mit dem "jugendlichen Widerspruchsgeist". Etwa, wenn in einem Grazer Beisl FP-Anhänger über eine Bürgerwehr diskutieren, um unter anderem "dem Drogenhandel" den Kampf anzusagen. Und dabei "ein jeder ein großes Glas Bier vor sich stehen hat: Meinen Söhnen ist das sofort aufgefallen." Diskrepanzen, wie sie auch in Sachen Mediengewalt zu beachten seien. Was helfe das Jammern über harte Filmszenen, wenn bei der Übertragung des Grand Prix von Österreich am Sonntag Aufzeichungen eines Unfalls "wieder- und wieder- und wiederholt werden", fragte sich ORF-Generalintendantin Monika Lindner selbstkritisch. Hier sei "reale Brutalität voyeuristisch überhöht worden". (DER STANDARD, Print, 14.5.2001)