"Das sexuelle Leben der Catherine M." ist seit seinem Erscheinen in 27 Sprachen in aller Munde. Die Autorin Catherine Millet stellte sich im Rabenhof Fragen zur minutiösen Beschreibung ihrer zahlreichen Akte. Dem STANDARD verriet sie darüber Hinausgehendes.
Von Markus Mittringer
Wien - Die Chefredakteurin der französischen Zeitschrift artpress ist erstmals mit einem ungeheuren Interesse an einem ihrer Texte konfrontiert. Seit sie ihr sexuelles Leben veröffentlicht hat, will alle Welt wissen: "Warum haben Sie das getan?" - und setzt voraus, dass Catherine Millet gebeichtet hätte.

STANDARD: Ihr Buch fand Unmengen an Lesern. Aber hat es die größte Verwirrung nicht in der Kunstszene gestiftet? Wird die immer bigotter?

Millet: Auf die bildende Kunst mag das zutreffen, auf die Literatur nicht. In den Sechzigern war die Bildende frei - auch sexuell -, heute wird darauf bloß metaphorisch zurückgegriffen. Es werden Bilder produziert, um sich mit dem Körper auseinander zu setzen. Man ist aber nicht bereit, das Erkannte dann auch zu leben.

STANDARD: Wollten Sie Ihr Medium, die Sprache, einmal auf etwas anderes anwenden als immer nur auf Kunst?

Millet: Ich hab mir die Frage nicht gestellt. Ich hab das Buch nicht als Flucht vor der Kunst geschrieben. Ich wollte die Verfechter bestimmter katholischer und philosophischer Strömungen provozieren. Aber im Zug der Publikation habe ich mich zusehends vom Kunstmilieu distanziert.

STANDARD: Was macht einen guten Künstler aus?

Millet: Mit einem Projekt bis ans Ende zu gehen - ohne sich von der Umwelt oder der Familie beeinflussen zu lassen. Ich beobachte, dass Ideen immer öfter einfach nicht konsequent durchgezogen werden.

STANDARD: Ist Ihr Literaturprojekt jetzt abgeschlossen?

Millet: Zunächst dachte ich, es wäre etwas Einmaliges. Aber es hat mein Leben verändert. Ich habe eine Idee, die weiter geht - in vier, fünf Jahren . . .
STANDARD: Ist das Buch als Konstrukt oder aus dem Schreiben heraus entstanden?

Millet: Es gab die Idee, möglichst trocken über das Thema Sexualität zu schreiben. Die Struktur war vorweg klar, die Kapitel waren festgelegt. Notizen, Erinnerungen und Gespräche standen als Material zur Verfügung. Unvorhersehbar war vielleicht das Resümee - das Bild, das ich am Schluss von mir abgebe.

STANDARD: Viele Rezensenten geben sich betroffen, sehen Catherine Millet als "offene Wunde", als Opfer diverser Orgien und Koitusse. Ich fand die Schilderung variantenreicher Akte eher komisch.

Millet: Das mit der "offenen Wunde" ist neu, entspricht aber durchaus den gängigen Reaktionen. Ich hab schon einige Blessuren in meinem Leben abbekommen, aber keine infolge sexueller Aktivitäten. Wäre am Beginn des Buches ein Schmerz gestanden, hätte ich den ja wohl formuliert. Den Geist der Leute dominiert immer noch die Vorstellung, für sexuelles Vergnügen mit Leid bestraft zu werden. Und beim Schreiben ist mir - auch aus der zeitlichen Distanz - manches sehr komisch erschienen. Ein Kritiker hat geschrieben, ich würde Orgien wie Insektenstaaten mit genauer Raum- und Rollenverteilung schildern.

STANDARD: Keine Beichte, keine Anklage. Eine Aufforderung?

Millet: Ich wollte mein intellektuelles Milieu provozieren, nicht irgendeine Öffentlichkeit. Ich hatte einfach genug von diesen hedonistischen Parolen zur sexuellen Freiheit. Ich wollte etwas sagen, das im Gegensatz zum Gerede der Beschwörer sexueller Freiheit auch tatsächlich im Einklang mit meinem Leben steht.

STANDARD: Was regt sie an Ihrem Milieu so auf?

Millet: Es sind zwei Positionen, gegen die ich mich wende: die eine, die sich auf Georges Bataille beruft und sexuelles Vergnügen immer mit Transgression, mit Überschreitung und Vergehen in Verbindung bringt; die andere, die Lust nur in der Erfüllung des privaten Glücks als höchstes Gut empfindet - die Denker des Hedonismus.

STANDARD: "Das sexuelle Leben der Catherine M." wurde in 27 Sprachen übersetzt. Ist es aber nicht ein sehr französisches Buch?

Millet: Was die Sprache betrifft, ja. Französisch ist speziell geeignet, Sexualität bewusst zu machen. De Sade hat gezeigt, wie perfekt sich diese Sprache dafür instrumentalisieren lässt. Auf das faktische der Akte bezogen, ist das Buch sehr international.

STANDARD: Das "Geheimnis", ein Schlüsselbegriff der erotischen Literatur, kommt bei Ihnen nicht vor.

Millet: Sicher, weil "Geheimnis" mit der Ideologie des Boudoir verknüpft ist, damit, Vergnügen nur im Geheimen zu finden. Das liegt nicht in meiner Natur. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.05. 2002)