Berkeley/Wien - "Wir haben die Hypothese, dass Krebs durch falsch verteilte Chromosomen erzeugt wird, jetzt erstmals direkt getestet und bestätigt", berichtet Virologe Peter Duesberg von der University of California in Berkeley dem STANDARD. Mit dieser Hypothese steht Duesberg gegen die Mehrheit der Krebsforscher, die Tumoren durch Mutationen einzelner Gene entstehen sieht.Duesberg hingegen greift auf die alte Beobachtung zurück, dass viele Tumorzellen falsch verteilte Chromosomen enthalten: Gesunde Zellen haben zwei Chromosomensätze ("Diploidie"), in Tumorzellen gibt es von manchen Chromosomen mehr oder weniger ("Aneuploidie"). Aneuploidie, vor über hundert Jahren bemerkt, galt lange als Kandidat für die Ursache von Tumoren, wurde in dieser Rolle aber in den 70er-Jahren von Genen ("Onkogenen") abgelöst, deren erstes justament Duesberg entdeckte. Inzwischen gibt es viele verdächtige Gene, aber eben deshalb - und weil in seinen Augen der Beweis aussteht, dass sie Tumoren verursachen - zweifelt Duesberg sie an: Es gibt kein Onkogen, dass allen Tumoren gemeinsam ist. Aneuploidie hingegen findet sich in fast allen - außer denen des Bluts - und bringt die Chromosomen in Um- und Unordnung. Gab es bisher nur indirekte Hinweise auf eine Rolle dieser "chromosomalen Instabilität" bei der Tumorgenese, "haben wir nun direkte Evidenz dafür, dass spezifische aneuploide Chromosomen spezifische Krebsphänotypen erzeugen": Duesberg hat an Hamsterzellen mit einer Chemikalie Tumoren induziert und die Zellen dann Hamstern implantiert (Proceedings of the National Academy of Sciences, Vol. 99, S. 6778). Sowohl in den Tumor-Anfangsstadien der Zellkultur wie in fortschreitenden Tumoren in den Tieren fanden sich sich signifikante Fehlverteilungen bestimmter - und je nach Stufe der Tumorgenese verschiedener - Chromosomen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 5. 2002)