Brüssel - Der Haussegen hängt seit geraumer Zeit schief. Spä- testens seit die Iren bei einer Volksabstimmung im Juni 2001 mit 55 Prozent gegen die Ratifikation des Nizza-Vertrags der Union gestimmt haben, ist das Verhältnis zwischen den Bewohnern der grünen Insel und der EU angespannt. Daran ändert auch die späte Einsicht der "Versammlung der Reichsfürsten" nichts, wie das regelmäßige Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs der Union von Kritikern gerne polemisch bezeichnet wird. Den "Reichsfürsten" ist nämlich längst selbst klar geworden, dass sie in den schlaflosen Nächten vom 7. bis 9. Dezember 2000 in der südfranzösischen Stadt keine gute Arbeit geleistet haben. In diesem Kontext betrachtet müssten die Lenker der Union den Iren für ihr ablehnendes Votum geradezu dankbar sein. Denn sie haben so bewirkt, dass der mittlerweile berühmt gewordene EU-Konvent eingesetzt wurde, der sich nun mit der Reform der Union zu beschäftigen hat. Der Konvent, der derzeit an der Reform der EU arbeitet, hat zumindest den Vorteil, dass er nicht hinter verschlossenen Türen, sondern in aller Öffentlichkeit seine Überlegungen anstellt. Außerdem ist seine Besetzung dergestalt, dass seine demokratische Legitimation allemal besser argumentiert werden kann, als dies beim EU-Rat der Fall ist. Die Brüsseler Bürokraten stehen den Iren seither allerdings skeptisch gegenüber. Denn sie haben schließlich den Finger auf jene Wunde gelegt, die gerne als "europäische Krankheit" bezeichnet wird: die Arroganz der EU-Regenten. Das Votum gegen Nizza verwundert doppelt, da Irland seit seinem Beitritt zur Union 1973 wirtschaftlich enorm von Brüssel profitiert hat. Das Land konnte seine Infrastruktur weitgehend mit EU-Unterstützung aufbauen. 1973 lag das Durchschnittseinkommen bei 59 Prozent des EG-Durchschnitts; 1998 hatte Irland 100 Prozent des EU-Durchschnittseinkommens erreicht. Doch materielle Zuwendung ist offenkundig nicht alles. Denn nicht nur im Zusammenhang mit Nizza zeigen sich die Iren stur. Seit Jahren sind sie es, und nicht die Österreicher, die in Fragen der Sicherheit- und Verteidigungspolitik längst einen pragmatischen Standpunkt formuliert haben, die auf ihrer Neutralität beharren. Und neuerdings nehmen die Iren gegenüber der Union beinahe eine Trotzhaltung an - ihre jüngste Forderung in Richtung Brüssel: Irisch soll als Amtssprache anerkannt werden.(Der STANDARD, Print-Ausgabe 16.5.2002)