Wien/Shimonoseki - Vier Tage vor dem Beginn der 54. Jahrestagung der Internationalen Walfangkommission (IWC) in der japanischen Hafenstadt Shimonoseki warnten Greenpeace-Vertreter vor einer Aufweichung des Fangverbots. Sie kritisierten Donnerstag bei einem Pressegespräch in Wien die japanische Regierung, die durch Stimmenkauf versuche, ihre Walfang-Interessen durchzusetzen.Die Frage, die alle Wal-Beschützer beschäftigt: Gelingt es den japanischen Delegierten, die Hälfte der IWC-Mitglieder auf ihre Seite zu ziehen? Dies würde die Einrichtung neuer Schutzgebiete verhindern und die bestehenden in Gefahr bringen. An der Kippe "Gestern war der Stand 22 zu 21", erklärte die Greenpeace-Meeresbiologin Nina Thüllen - 22 IWC-Mitglieder gegen Walfang. "Bis Montag kann sich das problemlos ändern", sagte Thüllen. Wer zur Tagung kommt, entscheidet mit. Aufnahmekriterium ist nur der Mitgliedsbeitrag. Das Geld kommt in vielen Fällen von Japan; für die Kommission, aber auch für Entwicklungshilfe in IWC-Mitgliedsländern der Dritten Welt. Als erste Entscheidung steht in Shimonoseki die Aufnahme Islands an, das der IWC unter Vorbehalt beitreten will und sich damit nicht an das Walfangmoratorium gebunden fühlen würde. Zweifel an Forschung Japans Vertreter drängen auch auf neue Forschungs-Walfangprojekte. Unter diesem Titel lässt die japanische Regierung - als einzige weltweit - jährlich mehr als 500 Wale töten. "Diese Forschung ist nicht nötig", kritisierte Thüllen. "Australien hat gezeigt, dass Forschung betrieben werden kann, ohne die Wale zu töten." Gerald Dick, Artenschutzdirektor beim WWF Österreich, erläutert das "Forschungsargument" so: "Die japanische Fischereibehörde vertritt die absurde Ansicht, ihren Fischern gingen immer weniger Fische in die Netze, weil Wale so große Mengen Fisch fressen würden. Seiwale und andere Walarten sollen gejagt werden, um nachzuweisen, dass sie für den massiven Rückgang der weltweiten Fischbestände verantwortlich sind. Dies bezeichnen Wissenschafter weltweit aber als unseriös." Auch die Welternährungsorganisation FAO weist die These zurück - Ursache der Fischereikrise sei die Überfischung der Bestände durch Menschen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 5. 2002)