Frankfurt - Es war sogleich von einer Sensation die Rede, als 1996 am Glauberg bei Frankfurt die Statue eines Keltenfürsten ausgegraben wurde. Zweieinhalbtausend Jahre lang war die knapp zwei Meter hohe Sandsteinfigur fast unversehrt geblieben. Heute gilt sie als eines der aussagekräftigsten Dokumente aus der Frühzeit eines Volkes, das in den Jahrhunderten vor den römischen Eroberungen das Gebiet zwischen Alpen, Pyrenäen, Rhein und oberer Donau besiedelte. In Frankfurt ist der "Fürst vom Glauberg" nun zum ersten Mal öffentlich zu sehen.Großausstellung Die Kunsthalle Schirn zeigt ihn vom 24. Mai bis zum 1. September zusammen mit rund 40 vergleichbaren Skulpturen aus sechs anderen Ländern. Doch das ist nur ein kleiner Teil der Schau: 900 Exponate aus 60 Museen haben die Ausstellungsmacher zusammengetragen. Die Schirn verspricht "ein noch nie da gewesenes Gesamtbild der frühesten europäischen Großplastik" und "einen umfassenden Einblick in die faszinierende Welt der keltischen Kultur". Diese allerdings liegt noch immer weitgehend im Dunkeln - entsprechend lautet der Titel der Ausstellung: "Das Rätsel vom Glauberg. Glaube, Mythos, Wirklichkeit." Seit der großen Ausstellung in Venedig "Die Kelten - das erste Europa" sind zwölf Jahre vergangen. Seitdem haben Funde und Befunde das Bild von den Kelten in vieler Hinsicht verändert. Schon 1994/95 waren am Fuß des 267 Meter hohen Glaubergs, offenbar einst ein Machtzentrum am Nordrand der keltischen Kultur, reich ausgestattete Fürstengräber zu Tage gekommen. Nach der Statue von 1996 wurden Bruchstücke von drei weiteren gefunden. Zu diesen Skulpturen gibt es in Mitteleuropa bisher keine Parallelen. Zu Pfingsten wird am Glauberg eine "Keltenstraße" eröffnet, die die Fundorte verbindet. Früher Europa-Gedanke Von besonderem Interesse ist - wie schon in Venedig - die Vorstellung, dass es eine Art "Europa" im Sinne von Verbindendem über weite geographische Räume hinweg schon in so früher Zeit gegeben haben könnte. Die gezeigten Skulpturen belegen für das 8. bis 5. Jahrhundert vor Christus übereinstimmende, jeweils lokal entstandene Ideen der Selbstdarstellung und Heroisierung sozial hervorgehobener Personen. Im 6. und 5. Jahrhundert kamen im jetzigen Frankreich und Deutschland Impulse aus dem Mittelmeerraum hinzu. Kürzlich in der Toskana in einer Bestattungsstätte der Etrusker gefundene halblebensgroße Plastiken ähneln in mancher Hinsicht denen vom Glauberg. Auch Skulpturen aus der Gegend östlich des Apennin gleichen den keltischen in Deutschland in vielem. So etwa der so genannte Krieger von Capestrano (Abruzzen) aus dem 6. Jahrhundert. Wie ein Bindeglied zwischen den Bildwerken in Italien und Mitteleuropa wirken Skulpturenfragmente aus Istrien (Kroatien). Persönliche Kontakte Offen ist die Frage, wie die Techniken und Konzeptionen im einzelnen nach Norden gelangten. Professor Otto-Hermann Frey vom vorgeschichtlichen Seminar der Universität Marburg äußert in der Zeitschrift "Archäologie in Deutschland" (Stuttgart) die Auffassung, dass nur persönliche Kontakte die Anstöße für solche Bildwerke geliefert haben können. Also etwa so, dass ein Steinmetz aus dem Süden in Mitteleuropa Arbeit fand. In Funden am Mont Lassois in Burgund, damals ebenfalls ein bedeutendes Zentrum der Keltenkultur, scheint sich auch ein Einfluss über die 600 Jahre vor Christus gegründete griechische Kolonie Massalia (heute Marseille) zu zeigen. (APA/dpa)