Die Bühne eine karge Holzschachtel, darin eine Ansammlung von Brütern und Brüllern: Michael Thalheimers "Liliom"-Inszenierung ist ein Festwochen-Höhepunkt.Wien - Den Liliom kann keiner erschlagen; soll sich einer unterstehen, ihn überhaupt anzurühren. Liliom teilt bereitwillig aus, mit seiner Faust von der Gewalt eines schmiedeeisernen Hammers, oder er fährt einer ihm missliebigen Person, die ihm den schuldigen Respekt vorenthält, aufs Geratewohl "übers Maul". Dann brüllt der wunderbare Schauspieler Peter Kurth wie ein von einer Bremse gestochener, in seinem Wehleid getroffener, haltlos schnaubender Stier, von dem die Wörter, das "Hauen" und das "Kusch"-Sagen, wie die Schaumfetzen aus dem Mund fliegen. Dieser Peter Kurth, einer von vielen Glücksfällen in Michael Thalheimers Skelettfassung der siebensüßen Vorstadtlegende Liliom des Komödienfabrikanten Franz Molnár, der sich die "kleinen Leute" gern durch sein nostalgisch beschlagenes Einglas besah, dieser Kurth ist ein wunderlicher Wahlverwandter des verstorbenen Ulrich Wildgruber. Einer aus jenem versunkenen Geschlecht der tobenden Riesen, die, weil sie lieben wollen, zuschlagen müssen. Ein Handwerker der alltäglichen Versagensangst, der zyklopische Agent einer nie gekannten Zärtlichkeit. Suche nach Schicksal Und Kurth starrt zu Anfang des Hamburger Festwochengastspiels im Museumsquartier fünf Minuten lang ungerührt in das Publikum: vor einer Pressholzkiste (Olaf Altmann), während wir uns vorstellen müssen, dass er als Jahrmarktsausrufer die Mädchen in ihren viel zu kurzen Röckchen vorüberziehen sieht, mit verkniffenen Mündern um eine kleine Ausfälligkeit bittend oder um den ganz großen Schicksalsschlag. Julie (Fritzi Haberlandt), die sich von Liliom, wie es heißt, auf ein Hutschpferd hat setzen lassen, mit einem kleinen, unzüchtigen, süchtig machenden Griff, dessen die Liliom-Hände offenbar fähig sind - Julie steht wie ein blasses Ausrufezeichen neben ihrer komischen, sentimental verbogenen Freundin Marie (Alexandra Henkel) da; der Mund ein Gedankenstrich, die Augen zwei Brutlichter. Thalheimer setzt die Entschlusskraft moderner, kleiner Leute, denen zur Würde die Kaufkraft fehlt, zum Vergnügen aber die erworbene Fähigkeit zum Konsum, zueinander in starre Beziehung. Er legt unter dem Taubendreck, dem Gemütskitsch, dem Drehorgelspiel die Kurzschrift der Herzen bloß. Kein Duft nach Frittierfett benebelt die Hirne und stimmt die Gemüter vorab leutselig. Nur in den Pausen zwischen den Szenen prasselt ein ganzes Meer von sozialempirischen Zeichen auf diese stillen Brüter nieder: projizierte Piktogramme, Anleitungszeichen, wie sie auf der WC-Türe kleben, auf Wickelstationen, Hafenauffahrten, Kaufhäusern, Vergnügungsshops oder Wartehallen. Stenogramme einer Alltagsdressur, die Orientierung bieten sollen, den Menschen, der vor ihnen offenen Mundes steht, aber vermassen und abscheulich zwergwüchsig machen. Liliom aber ist aus dem Wachschlummer doch noch erwacht. Hat mit einer Bewegung seines mächtigen Rumpfes die Arme schlenkern lassen, sodann als Ausrufer einen grauenhaften Rap in ein Mikrofon gebrüllt. Er bekennt sich voller Eigensinn zu Julie und seinem Hinauswurf als Animateur und Plärrhengst. Er schwindelt die wenigen Wörter, die er aktiv weiß, wie Glasmurmeln aus seinem Mund; er zieht es noch in der quälendsten Schäferminute vor, selber Hand an sich zu legen: das große Glückslos-Ziehen als Taschenbillard. Julie wischt sich die Reste seiner Hervorbringung mit stechendem Blick in die monströse Feinrippunterhose. Die Szenen ziehen dürr vorüber. Weil diese Menschlein keine Chance haben, stehen sie zu ihren Bekenntnissen wie Monumente: unverrückbare Bildwerke, die kein Verinnerlichtes preisgeben, sondern ihr bisschen Dafürhalten lieber inwendig verschmoren lassen, ehe sie es ans missgünstige Tageslicht befördern. Liliom stirbt, von eigener Hand erstochen, in einer Brüll- und Wälzorgie, zum linden Countrysound einer Neil-Young-Nummer. Der Herr Konzipist im Himmel hat Umhängeflügel und watschelt wie ein Schichtarbeiter zu Lilioms moralischer Belehrung. Der Schläger aus Liebe bringt ein Papiersternchen seiner nachgeborenen Tochter (wiederum Fritzi Haberlandt) zum Geschenk: Er hebt sie hoch - der einzige, bewegende Ausweis einer Liebe, die sich verspätet, weil sie sich nicht zu benennen weiß. Dann zerreißt Liliom den Stern. Eine Theatersternstunde ist vorüber. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 5. 2002)