"Nach 24 Jahrhunderten empfinden die Mächtigen Aristophanes noch immer als Bedrohung." So kommentiert Italiens bekanntester Theaterregisseur Luca Ronconi einen Fall von Zensur, der am Wochenende im berühmten griechischen Theater von Syrakus für große Aufregung sorgte. Der Intendant des Mailänder Piccolo Teatro sah sich gezwungen, vor der Aufführung der Aristophanes-Komödie Die Frösche einige Szenenbilder zu entfernen, die an Silvio Berlusconi, Umberto Bossi und Gianfranco Fini erinnerten. Ronconi sprach von "Zensur und Einschüchterung". Bereits am Tag vor der Aufführung war es bei einem offiziellen Abendessen zu einem Eklat gekommen. Berlusconis Statthalter in Sizilien, Vizewirtschaftsminister Gianfranco Micciché, hatte den Regisseur zur Rede gestellt und danach den Saal verlassen. Auch Frauenministerin Stefania Prestigiacomo hatte Widerstand gegen das Bühnenbild angemeldet. Der Präfekt von Syrakus ersuchte die Direktion, die Bilder zu entfernen. "Ich habe dem Druck nachgegeben, um die Aufführung sicherzustellen", so Ronconi. Der Regisseur beklagte, er sei von Micciché "aggressiv angepöbelt worden". Den aggressiven Ton will der Staatssekretär nicht bestreiten: "Das gehört zu meinem Charakter." Er habe jedoch lediglich "Dissens geäußert, aber nicht die Entfernung der Bilder gefordert", so Micciché. Er habe "als Bürger interveniert". Ronconi weigerte sich nach der Aufführung strikt, auf die Bühne zu kommen. Er überlege sich, Italien zu verlassen. Der Direktor des Mailänder Piccolo Teatro, Sergio Escobar, sprach von "Intoleranz und Einmischung, die sich weder mit dem Theater noch mit der Demokratie vertragen". Ministerpräsident Silvio Berlusconi erklärte, aus einem antiken Schauspiel sei eine "Komödie der Irrungen" geworden. Seine Regierung wisse gar nicht, was Zensur sei. Ronconi habe Selbstzensur geübt: "Auch wenn ich mit dem Tyrannen von Aristophanes nichts gemein habe, kann Ronconi seine Szenenbilder ruhig weiter verwenden", so Berlusconi. Die Ereignisse in Syrakus haben in den Medien Polemiken ausgelöst. Der Corriere della sera sprach von einem "in der italienischen Theatergeschichte einmaligen Fall". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 5. 2002)