Ein - neben dem Verlust Wilnas - zweiter Konfliktstoff für Litauen, diesfalls mit Deutschland, wurde durch den Friedensvertrag von Versailles aufgebaut. Deutschland hatte auf das Gebiet nördlich des Flusses Memel/Nemunas, der in seinem Mündungsabschnitt Jahrhunderte hindurch zu Preußen gehört hatte, verzichten müssen. Das Gebiet war gemischtsprachig, die Deutschen lebten vor allem in der Stadt Memel/Klaipeda. Da die Mehrheit der Bevölkerung gegen einen Anschluss an Litauen war, wurde das Memelgebiet zunächst von einem französischen Präsidenten verwaltet. Litauen war vor allem an Souveränität über den Memeler Hafen interessiert, da es nur mit dem Dorf Palanga einen völlig unzulänglichen Zugang zur Ostsee besaß.Am 10. Jänner 1923, am selben Tag, als die Franzosen das Ruhrgebiet besetzten, drangen litauische Freischaren in das Memelland ein, ohne dass die Franzosen Widerstand leisteten. 1924 erkannte der Völkerbund die Oberhoheit Litauens über das Memelland an, doch erhielt dieses eine Autonomie. Bei Landtagswahlen gewann der Block der deutschen Parteien dort stets eine große Mehrheit, obwohl sich von den rund 141.000 Bewohnern des Gebiets knapp die Hälfte als Litauer bekannten. Mit der Machtübernahme Hitlers begann eine verstärkte prodeutsche Agitation. Memelländische Nazis wurden verhaftet und zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Nach dem Anschluss Österreichs und des Sudetenlandes verstärkte sich der Druck Berlins auf Kaunas; am 22. März 1939 musste Litauen das Memelland an das Reich zurückgeben. Litauen war ein ausgesprochenes Agrarland. Die Industrie beschränkte sich auf Sektoren, die mit der Landwirtschaft zusammenhingen. Die Frage der Bodenreform gestaltete sich für die junge Republik zur wichtigsten innenpolitischen Aufgabe. Nach den Konflikten der Anfangszeit war 1922 an die Stelle der Taryba ein Parlament (Seimas) getreten. Die Wahlen erbrachten eine große Mehrheit für die Christlichen Demokraten, eine konservative Bauernpartei mit Nähe zur Kirche. Die nationalistischen Führer der Kampfzeit wie Smetona, Valdemaras oder Ycas traten in den Hintergrund und sammelten sich in der kleinen Nationalen Partei (Tautininkai). Die Christdemokraten setzten Aleksandras Stulginskis als Staatspräsidenten an die Stelle von Smetona. Die linke Opposition bildeten die Sozialdemokraten und die linksliberalen Volkssozialisten. Die Kommunistische Partei war verboten. Die christdemokratische Bodenreform von 1923 war keineswegs radikal. Die hauptsächlich polnischen oder russischen Großgrundbesitzer konnten 80 Hektar Ackerland behalten. Der Rest wurde auf kleine Bauern aufgeteilt. Zusammen mit dieser Maßnahme wurden viele Dörfer aufgelöst und in Einzelhöfe umgewandelt, Genossenschaften wurden gefördert. Die ehemals russischen Domänen übernahm der Staat. Im Jahr 1926 ermöglichten die Wähler eine Koalitionsregierung von Volkssozialisten und Sozialdemokraten. Die Änderung des politischen Kurses - Aufhebung der staatlichen Bezahlung der Priester, Begnadigung eingekerkerter Kommunisten und Aufnahme von Vertretern der polnischen Minderheit in die Regierung - führte zu nationalistischen Demonstrationen. In der Nacht vom 16. auf den 17. Dezember 1926 putschte die Armee und brachte die Nationalpartei Tautininkai, zunächst zusammen mit den Christdemokraten, an die Macht. Smetona wurde wieder Staatspräsident und blieb es bis zum Ende es unabhängigen Litauen (1940). Das Parlament wurde aufgelöst, schon im folgenden Jahr wurden die Christlichen Demokraten ausgebootet. 1927 wurde Litauen eine Präsidialrepublik, eine neue Verfassung gab Smetona die Möglichkeit, als letztentscheidende Instanz zu fungieren. Zunächst überließ er Innen- und Außenpolitik seinem Ministerpräsidenten Augustinas Voldemaras. Dieser zeigte immer mehr diktatorische Züge, er baute den Parteiapparat der Tautininkai aus und rief nach dem Vorbild des faschistischen Italien einen Kampfverband unter dem Namen "Eiserner Wolf" ins Leben. Selbst konservative Kreise und die Kirche nahmen Anstoß an seinem Kurs. Auch Smetona musste die gefährliche Konkurrenz seines Premiers befürchten. 1929 ließ er Voldemaras verhaften und verbannen. Als seine Anhänger diesen 1934 in einem Putschversuch wieder an die Macht bringen wollten, wurde er eingekerkert, 1938 durfte er nach Frankreich ins Exil gehen. Nach von der illegal gewordenen extremen Rechten und Linken geschürten Bauernunruhen erließ Smetona ein Verbot aller Parteien. Gestützt auf die Armee, führte er ein ständestaatliches System ein und regierte als "Tautos Vadas" ("Volksführer") wie einst die litauischen Großfürsten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 5. 2002)