Standard: Warum ist Kaschmir so wichtig für Indien wie für Pakistan?Schiewek: Was Indien anbelangt, so muss man zunächst die Verfassungsgeschichte betrachten. Kaschmir ist ein Paradebeispiel dafür, wie ein Fürst durch einen Federstrich der Indischen Union beitritt. Ein unabhängiges Kaschmir würde den ganzen Bundesstaat infrage stellen, argumentieren die Inder. Wenn sich die Kaschmiris selbstständig machen, dann werden auch die Sikhs Ansprüche stellen, es gäbe Volksentscheide in Assam, Bhopal, Hyderabad. Für Pakistans Machthaber wiederum ist Kaschmir eine Legitimation: Praktisch alle stammen aus Indien. Sie müssen diesen Irredentismus weiter tragen. Standard: Weshalb tun sich beide so schwer mit Verhandlungen? Schiewek: Die Machteliten sind ganz unterschiedlich - Militärs und Großgrundbesitzer auf pakistanischer Seite, ein viel weiter gefächertes Spektrum auf indischer Seite. Hinzu kommt: Wenn das Kaschmir- Problem heute gelöst wäre, hätte Pakistans Armee, die 30 Prozent des Haushalts verschlingt, praktisch keine Existenzberechtigung mehr. Standard: Wie wahrscheinlich ist ein Krieg zwischen Indien und Pakistan? Schiewek: Nicht sehr wahrscheinlich. Die pakistanische Armee hat bisher jeden Krieg verloren. Eine konventionelle Auseinandersetzung mit Indien wäre völlig aussichtslos für sie, die Armee könnte die Punjab-Ebene und Lahore gar nicht verteidigen. Außer sie würde taktische Atomwaffen einsetzen, und zwar defensiv auf ihrem eigenem Staatsgebiet. Das gehört zu den Planspielen des pakistanischen Generalstabs: Die Armee lockt indische Panzer in die Thar-Wüste und zündet dann eine Atombombe, gleichsam als Warnung an Neu- Delhi, dass Pakistan nukleare Sprengsätze auch nach Indien schießen könnte. Doch das sind Planspiele aus einer Zeit, als Pakistan die Taliban in Afghanistan stützte und deren Flugbasen als Rückzugsraum nutzen wollte.(Der STANDARD, Print-Ausgabe 28.5.2002)