Unerfüllte väterliche Berufswünsche sind oft eine heikle Angelegenheit für Söhne. Herausragende Karrieren erwachsen daraus eher selten. Manchmal aber springt der Funke doch, in besonderen Fällen weckt er sogar eine schlummernde Begabung. Das erste hörbare Zeichen für seine geglückte familiäre Verführung zur Technik setzte Günther Leising mit einem selbst gebauten Radio. Im Alter von sieben - und das Ding hat funktioniert. "Mit Talent hatte das nichts zu tun", ist der heute international renommierte Experte für Festkörperphysik überzeugt, "eher mit extremer Neigung und der Geduld meines Vaters." Wie auch immer: Nach der Matura studierte er Technische Physik an der Grazer TU - im Eilzugstempo und mit Auszeichnung. Trotz seiner Ausrichtung auf die sehr technische Festkörperphysik sieht sich Leising nicht als "typischen" Techniker: "Mir geht es eher um Grenzüberschreitungen, ums Kombinieren, um den Blick hinter die Dinge und vorbei an eingefahrenen Wegen." Die Lust am Transzendieren der eigenen Fachgrenzen ließ den Physiker schon bald seine Fühler Richtung Chemie ausstrecken. Das Ergebnis: eine interdisziplinäre Forschungskooperation zu leitenden Polymeren, in der weltweit beachtete Grundlagenarbeit zur Entwicklung neuer Werkstoffe und des Fachbereichs "Physik Neuartiger Materialien" der TU Graz geleistet wurde. Der konsequent unkonventionelle Umgang mit den Gegenständen seiner Forschung in Verbindung mit dem Talent, Menschen zu begeistern, machten die Karriere des gebürtigen Gleisdorfers tatsächlich herausragend: Nach fünf Patenten, über 450 Publikationen und der Gründung zweier Firmen ist der karenzierte Uni-Professor heute nicht nur Forschungschef bei Europas größtem Leiterplattenhersteller AT & S , sondern auch Koleiter des Instituts für "Nanostrukturierte Materialien und Photonik" der Joanneum Research. Wie das alles unter einen Hut zu bringen ist? "Mit einem exakt durchkomponierten Arbeitstag und hochmotivierten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen." Wer sich nun einen gestressten Herzinfarktkandidaten vorstellt, irrt allerdings. Seine für Gesprächspartner so angenehm entspannte Konzentrationsfähigkeit verdankt der jugendliche Fast-50er nach eigenen Angaben auch einer beneidenswerten Fähigkeit: "Ich leb', was ich tu'!" Durchkomponiert scheint auch Leisings Freizeit. Ob Kompositionen von John Cage, Mozart oder Beethoven, "für mich gehört das zum Leben!" Ebenso wie die intensive Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Malerei und regelmäßige Kulturtrips nach Paris. Grenzüberschreitungen eben - der Leisingsche rote Faden mit der großen Zugkraft. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 5. 2002)