Wie heißt die Sportart mit den höchsten Zuwachsraten in den letzten 20 Jahren? Richtig geraten. Frauenfußball. Dabei wird der Frauenkick in Österreich "nicht einmal ignoriert", interessiert Medien und Zuschauerschaft höchstens bei Großereignissen und selbst dann nur bedingt. Hierzulande wird die von Männerdominanz geprägte Sportart bewusst in der Bedeutungslosigkeit gehalten. In den USA hingegen sind 50.000 ZuschauerInnen pro Spiel keine Seltenheit. Ein Widerspruch zu Paul Breitners (ehemaliger mehrfacher deutscher Internationaler und nunmehriger Fußballexperte) populistischem Rülpser "Frauenfußball macht Fußball kaputt."Back to the Roots Die Wurzeln des Frauenfußballs gehen zurück bis ins 19. Jahrhundert. Es handelt sich daher nicht um ein postfeministisches Phänomen, wie oft fälschlich vermutet wird. Schon um 1894 wurden in England und Schottland erste "Frauschaften" gegründet. Fabriksarbeiterinnen widmeten sich mit großer Begeisterung dem Spiel und ließen die Gewinne wohltätigen Organisationen zukommen. Schon bald allerdings machten sich die Männer Sorgen um "ihren Sport". "Mann" war sich schnell einig, dass der Fußballsport für Frauen nicht geeignet sei, weil die Anmut der Frauen auf dem Spiel stehe. Unansehnliche "zum Häßlichen entwickelte Beine", wilde Verzerrungen des Gesichts beim Zweikampf und negative Auswirkungen auf das Verhalten der Männer auf dem Fußballplatz, wenn die "holde Weiblichkeit" anwesend war, wurden als Gründe genannt, warum Frauen diesen Sport ihrer Ansicht nach ablehnen sollten.
Die brasilianische Spielmacherin Sissi (re) mit Mexikos Mittelfeldspielerin Ireta bei einem Zweikampf während der Weltmeisterschaften 1999 in den USA.
Um diese Entscheidung erst gar nicht den Frauen zu überlassen wurde das Spiel in vielen Ländern kurzer Hand verboten. In England geschah dies im Jahr 1921. Nichts desto trotz wurde 1924 in Österreich der erste Damenfußballverein namens "Diana" gegründet. Zwölf Jahre später, der Frauenfußball erfreute sich bereits großer Beliebtheit, wurden "Frauenwettspiele" untersagt, nachdem man mit Entrüsten feststellte, dass mehr als 3.000 ZuschauerInnen das Spiel DFC Wien gegen Vindobona mitverfolgten. Die nachhaltigen Auswirkungen des Nationalsozialismus verhinderten den Frauenkick bis in die Sechzigerjahre. "China wir kommen (nicht)" Doch dann ging es stetig bergauf. 1969 wurde die CIFEF (Confederation of Independent European Female Football) ins Leben gerufen. 1973 wurde die erste Meisterschaft in Österreich ausgespielt. Erst 1982 erfolgte die Anerkennung durch den ÖFB . Das Nationalteam hat seit 1990 50 Spiele bestritten, erst vergangenen Samstag wurde im oberösterreichischen Ottensheim das letzte Spiel der Qualifikation (gemeinsam mit Belgien, Schottland und Wales) für die Weltmeisterschaft 2003 in China ausgetragen. Mit einem 1:1 (0:1) gegen Wales, Sonja Spieler (46.) sorgte für den Ausgleich, beendete die von Ernst Weber betreute ÖFB-Elf die Gruppenspiele hinter Sieger Schottland (15 Punkte) und Belgien (15) und noch vor Wales (1) mit vier Zählern auf dem dritten Platz. Bewegungssozialisation und Status Quo Eine "geschlechterdifferierende Erwartungshaltung", welche es den Buben erlaubt weiträumigere Bewegungsspiele zu organisieren, die Mädchen hingegen oft an die nähere Umgebung des Hauses bindet, wirkt sich ebenso negativ auf die ballesterische Entwicklung aus, wie die "geschlechterhomogenen Leibesübungen" (ab dem zehnten Lebensjahr), fehlende Nachwuchsmodelle und die mangelnde Beliebtheit des Fußballsports bei vielen "Leibeserzieherinnen" Bescheidene zwei Prozent aller Österreicherinnen spielen regelmäßig Fußball, ein Großteil davon sind Studentinnen und Akademikerinnen, viele gehören der "oberen Mittelschicht" an, die sich grundsätzlich durch einen selbstbewussten Umgang mit der männerdominierten Materie auszeichnet. Generell verfügen junge Frauen über ein wesentlich breiteres Sportartenspektrum, wechseln auch früher und öfter ihre sportliche Betätigung und verlassen die Vereine meist schon im Alter von elf bis dreizehn. Dem Frauenfußball fehlt es an Anerkennung und finanziellen Mitteln. Die Medien berichten hierzulande oberflächlich bis gar nicht. Leistungsträgerinnen sind kaum bekannt und werden noch dazu in keinster Weise durch mediale Präsenz gefördert. Bezeichnendes Beispiel dafür: Christine Windisch (Österreichs Spielerin des Jahres) wurde bei einem Fernsehinterview ausgeblendet. Der Kameramann schwenkte statt dessen in das Publikum. "Kournikowa-Effekt" Im Gegensatz dazu wurde natürlich schon längst auch der zusätzliche "Marktwert" von Spielerinnen entdeckt, der sich an den guten Quoten des "Kournikowa-Effekts" orientiert. So hob in diesem Zusammenhang eine Salzburger Tageszeitung eine viertelseitige Werbung für den "Soccer-Art-Kalender" mit regelrechter Akribie hervor. Spielerinnen ließ man dabei jedoch nicht zu Wort kommen, die künstlerischen Ergüsse eines Fotokünstlers wurden dafür um so genauer beschrieben.
Briana Scurry (US-Torfrau) hielt den entscheidenden Penalty von Liu Ying (China) im Finale der Weltmeisterschaften 1999 in der Rose Bowl in Pasadena (USA). Die US-Amerikanerinnen netzten alle fünf Elfmeter ein und holten so den von 90.180 (!) ZuschauerInnen frenetisch gefeierten Titel.
Gibt es im allerdings kleinen Österreich gerade einmal 6.000 gemeldete Spielerinnen, so sind es in den Vereinigten Staaten an die neun Millionen. Während der Frauenfußball in Österreich mehr oder weniger dahintümpelt, sorgen in den USA, in China, Japan, Korea, England und Deutschland die jeweiligen Profiligen für großes, teilweise staatlich inszeniertes Interesse. Zudem ist Soccer in den USA ("Sport für Weichlinge" - bringt den Männern zu wenig Renommee) eine "familienfreundliche Alternative" zum "Männersport" American Football. "MYSA Shootback Project" Große Chancen zur weltweiten Solidarisierung des Frauenfußballs sieht Rosa Diketmüller im Internet. In Kenia sorgt das "MYSA Shootback Project" für internationale Beachtung. Jugendliche, egal ob Mädchen oder Buben, bekommen in einem der ärmsten Slums durch das Fußballspielen und dem Erlernen des Umgangs mit Computer und Internet eine zukunftsorientierte Perspektive. Abschließend bleibt zu hoffen, dass die Zukunft des Fußballs auch eine weibliche ist, die einzementierten Geschlechterverhältnisse endlich gelockert werden, Erziehung und Ausbildung gleiche Möglichkeiten für alle schaffen, damit das Match Frauenfußball versus Männerfußball nicht weiterhin auf einer sehr schiefen Ebene abläuft. (honz) Rosa Diketmüller ist Assistenzprofessorin am Institut für Sportwissenschaft der Universität Wien.