Deutschlands jüngster Literaturskandal: In seinem neuen Roman spielt Martin Walser mit dem "Tod eines Kritikers". Die "F.A.Z." sieht darin "antisemitische Klischees".
Alexandra Föderl-Schmid aus Berlin
Für Martin Walser ist es "eine Hinrichtung" - seine eigene, literarische. Die Antisemitismus-Vorwürfe, die der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) , Frank Schirrmacher, wegen des noch unveröffentlichten Romans Tod eines Kritikers erhoben hat, sind für Walser "eine unerklärliche Infamie". Es könne nicht einmal von einem Missverständnis die Rede sein, "das ist eine willkürliche Fälschung meines Romans", so Walser. Schirrmacher begründete in einem offenen Brief in der F.A.Z. die Weigerung, den neuesten Walser-Roman, wie bisher üblich, im Vorabdruck zu veröffentlichen. Schirrmachers Begründung: "Ich halte Ihr Buch für ein Dokument des Hasses", heißt es in dem offenen Brief an Walser. Der Roman beinhalte ein "Repertoire antisemitischer Klischees" und "Mordfantasien". Ranickis Alter Ego Da das Buch erst Ende August im Suhrkamp-Verlag erscheinen soll, ist die Öffentlichkeit auf Schirrmachers Lesart angewiesen. Demnach geht es in dem Buch um die Ermordung des Starkritikers André Ehrl-König - wofür Marcel Reich-Ranicki das Vorbild ist, wie Walser bestätigt. Laut Schirrmacher wird aus der Verzerrung des typischen Reich-Ranicki-Akzents eine Verballhornung des Jiddischen, wenn Ehrl-König etwa über "doitsche Scheriftsteller spericht" und zu dem Urteil kommt, die "doitsche Literatür" sei zu "noinzig Prozent langeweilig". Die Handlung: Ein beleidigter Schriftsteller wird verdächtigt, den Kritiker getötet zu haben. Am Ende stellt sich allerdings heraus, dass Ehrl-König seinen Tod nur vorgetäuscht hat, um genügend Zeit für seine Geliebte zu haben. Angesichts der Tatsache, dass Reich-Ranicki mit seiner Frau im Warschauer Ghetto dem Naziterror und der Vernichtung nur knapp entkam, fragt der F.A.Z.- Herausgeber den Autor: "Verstehen Sie, dass wir keinen Roman drucken werden, der damit spielt, dass dieser Mord fiktiv nachgeholt wird? Verstehen Sie, dass wir der hier verbrämt wiederkehrenden These, der ewige Jude sei unverletzlich, kein Forum bieten werden?" Es ist gewiss kein Zufall, dass Schirrmacher die Form des offenen Briefes wählt. Denn bisher hat er Walser stets verteidigt. Er war auch Laudator bei der Verleihung des Friedenspreises an Walser 1998, die zum bekannten Eklat über die vom Schriftsteller beklagte "Moralkeule Auschwitz" führte. Die vom FDP-Vizechef Jürgen Möllemann angeheizte Debatte über Antisemitismus in Deutschland und Wahlerfolge der Rechtspopulisten in Europa dürften Schirrmacher zur Distanzierung veranlasst haben. Außerdem ist Reich-Ranicki Ex- F.A.Z.- Redakteur. Die Auseinandersetzung zwischen Starautor und Star- kritiker reicht in die Siebziger-jahre zurück. Damals bezeichnete Reich-Ranicki Walsers Buch Jenseits der Liebe als entsetzlich missraten. In Walsers autobiografischem Roman Ein springender Brunnen sah Reich-Ranicki eine auffällige Verharmlosung der Judenverfolgung. In der vergangenen Woche stellte Reich-Ranicki den ersten Teil eines literarischen Kanons vor, der die seiner Meinung nach 20 wichtigsten Romane deutscher Literatur enthält. Walsers Werke kommen darin nicht vor. Walser warf ihm daraufhin "Beschränktheit" vor. Aber dass sein jüngstes Werk auf den Holocaust bezogen werde, das hätte er sich "nie, nie, niemals gedacht", sonst hätte er dieses Buch nicht geschrieben, verteidigt Walser sich nun. Er habe einzig über die Erfahrungen eines Autors "mit Machtausübung im Kulturbetrieb zur Zeit des Fernsehens" schreiben wollen. Walser fordert nun rechtliche Schritte gegen die Zeitung, der Verlag bisher nicht. Im Verlag umstritten Auch im Suhrkamp-Verlag war das Buch durchaus umstritten. Denn Walsers Buch enthält, wie verlautete, eine Figur, die kaum verschlüsselt als Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld zu erkennen ist. Im Gegensatz zu Reich-Ranickis Alter Ego stirbt diese Figur im Roman tatsächlich. Der 77-Jährige ließ nach heftigen Auseinandersetzungen zu, dass das Buch erscheint. Sein Nachfolger Günther Berg verteidigte den Autor: "Walser ist kein Möllemann der deutschen Literatur." Suhrkamp versicherte, dass es sich nicht "um die definitive Druckvorlage" handelt. Interessierten Medien wurde am Donnerstag das Manuskript zum Lesen angeboten. Der Verlag versuchte, Auftritte Walsers in Medien einzudämmen, und beschwichtigte, dass der Roman noch überarbeitet werde - wovon nun allerdings Walser nichts wissen will. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 5. 2002)