Istanbul/Wien - Die Versuchung ist groß, aber das Risiko auch. So mancher Türkei-Urlauber steckt beim Besuch einer antiken Stätte an Ägäis oder Mittelmeer einen kleinen Marmorstein ein, um ihn als Andenken mit nach Hause zu nehmen. Die türkische Justiz geht in solchen Fällen von versuchtem Antiquitätenschmuggel aus. Und dafür drohen bis zu zehn Jahre Haft.Rechtsanwalt Ülkü Caner aus der westtürkischen Großstadt Izmir betreut jährlich rund ein Dutzend Türkei-Urlauber aus Österreich und anderen westeuropäischen Staaten, weil sie ein antikes Mitbringsel im Reisegepäck hatten. Kürzlich sei ein Tourist mit einem 25 Kilogramm schweren Säulenteil im Gepäck erwischt worden. Eine andere Mandantin, eine Österreicherin, sei erst vor wenigen Tagen aus der Haft entlassen worden. Wie es Antiquitätenschmugglern nach ihrer Festnahme ergeht, hängt von den zuständigen Staatsanwälten und Richtern ab. Einige Urlauber dürfen die Heimreise antreten, während in ihrer Abwesenheit das Verfahren weiterläuft. Andere müssen zumindest bis zur Freilassung auf Kaution beim ersten Verhandlungstag in Untersuchungshaft bleiben, was vier bis acht Wochen dauern kann und angesichts der Haftbedingungen in türkischen Gefängnissen kein erstrebenswertes Erlebnis ist. In beiden Fällen ist es möglich, dass die Urlauber nach der Heimreise in Abwesenheit verurteilt werden und ihnen bei Wiedereinreise die Verhaftung droht. Die Türkei ist Erbin einer kaum überschaubaren Menge von teilweise jahrtausendealten Kulturgütern aus griechischer, römischer und osmanischer Zeit. Doch viele Kunstschätze sind heute nicht mehr in der Türkei - sie wurden von Europäern fortgeschafft, wie der von Heinrich Schliemann aus Troja entführte "Schatz des Priamos" oder der Pergamon-Altar, der heute in Berlin steht. Der Schutz des kulturellen Erbes ist deshalb für die Türkei sehr wichtig - auch wenn es sich oft "nur" um kleine Steine handelt. (APA)