In Deutschland droht, so lässt die Möllemann-Debatte befürchten, ein neuer Antisemitismus. In dieses aufgeheizte Feld geriet auch das neue Typoskript des Großautors Martin Walser: Noch vor seinem Erscheinen wurde es "antisemitischer Stereotype" geziehen. Die Erregung unter den Intellektuellen greift um sich.

Richard Reichensperger

Wien - Im Studium der Literaturwissenschaft lernten wir: Der genaue Blick auf einen Text sollte kombiniert werden mit genauem Blick auf den Kontext. Beide sollten einander auslegen. Manchmal ist aber ein Kontext so massiv, dass er einen Text von vornherein festlegt. Beim noch gar nicht erschienenen Text des schmalen neuen Buches von Martin Walser, Tod eines Kritikers, geschieht tagelang genau dies: Überwältigung durch den Kontext, heftigste Reaktion schon vor dem allgemein zugänglichen Text, und das schwerste vorstellbare Argument: Antisemitismus, antijüdische Stereotype.

Martin Walser attackiert in seinem (auch dem STANDARD in Fahnenform vorliegenden) Text einen durch viele Anspielungen eindeutig als Marcel Reich-Ranicki erkennbaren Großkritiker und einen auf Medienwirkung beruhenden, undifferenzierten Kulturbetrieb. Kritisiert Walser - wie er auch im unten stehenden Interview betont - nur den Kritiker, oder ist sein Text, auch den Juden im Kritiker treffend, unterschwellig antisemitisch?

Dieser Vorwurf war Mitte der Woche von Frank Schirr- macher, Mitherausgeber der FAZ, gegen Walsers neues Buch erhoben worden, verbunden mit der Verweigerung eines Vorabdrucks in der FAZ.

Der Kontext, in dem das Buch so große Wellen schlägt, ist die Möllemann-Debatte der FDP, und ist im näheren auch die meist sehr provokante Art, mit der Martin Walser in den letzten Jahren in Essays und Reden mit dem Thema der deutschen Schuld, der deutschen Nation, des deutschen Eingedenkens von Auschwitz umging. Walser selbst zimmerte da ein "rechtes Eck", in das jetzt ein neuer Text leicht gerückt werden kann. Auch deshalb zielen die Reaktionen in diese Richtung:

Die Montagsausgabe der in Berlin erscheinenden Die Welt bringt, aus der Feder Ulrich Weinzierls, die erste Besprechung (nicht des Buches, sondern der Fahnen): "Naturgemäß ist Martin Walser kein Antisemit. Er sagt es selbst. Das seien die anderen." Nun sei, konzediert Weinzierl, Walser als Romanschrifsteller "Herr der Figuren und Figurenreden. Die können und dürfen widerwärtig sein oder antisemitisch." Aber Walser gehe in der Parodie von Reich-Ranickis Sprechweise zu weit und erinnere dabei an die Stürmer-Sprache.

Überdies stellt Weinzierl der von Walser erfundenen Figur der Ehefrau des Starkritikers die reale Geschichte der Teofila Reich-Ranicki gegenüber: Nicht sei deren Vater, wie das Buch böse witzelt, "Geheimdienstchef des Vichy-Regimes" gewesen, sondern - wie aus der Lebensgeschichte Reich-Ranickis bekannt - im Warschauer Ghetto durch Selbstmord umgekommen. - Diese Argumentationsfigur, das reale Leben der Reich-Ranickis gegen das im Buch erfundene des Ehrl-Königs zu stellen, zieht sich seit Frank Schirrmachers Attacke durch fast alle Angriffe, die bis hin zum ehemaligen SPD-Vorsitzenden Hans-Jürgen Vogel reichen. Lothar Müller versucht in der Süddeutschen eine Differenzierung: "Im Schlüsselroman mobilisiert der Großschriftsteller Walser die Bodentruppen des Buches gegen den Fernsehkritiker. Gegen den Fernsehkritiker ist der gesamte Abrechnungsfuror dieses Romans gerichtet, nicht gegen den Juden." Viele Reaktionen von Autoren - von Ralph Giordano über Walter Jens zu Günter Kunert - zielen aber auch auf die biographischen Hintergründe der realen Personen. Und Walser sehe sich "permanent als Opfer des ,bösen Juden' Reich-Ranicki". In dieser Richtung kritisiert auch die Frankfurter Rundschau in ihrer Montagsausgabe: Es sei doch viel Dampf aus einem alten Kessel. Literaturen-Herausgeberin Sigrid Löffler, von Reich-Ranicki einst massiv attakiert, verweigerte jeglichen Kommentar.

Unklar blieb aber bis jetzt, was eigentlich mit "antisemitischen Stereotypen", bezogen auf dieses Buch, genau gemeint sein kann. Es scheint, so meint Thomas Steinfeld in der Süddeutschen, ein wenig doch so zu sein, dass der Kontext der letzten Wochen und der eigenen früheren Äußerungen auf Walser zurückfalle: "Seit einigen Wochen ist der Antisemitismus sehr in Mode gekommen. Er ist ein kollektives Phantasma, und für solche Gebilde gilt Walser als zuständig." Doch sei das Buch kein antisemitisches Buch, kein rassistischer Angriff.

(DER STANDARD, Print, Sa./So., 1.06.2002)