Eric FreyD ie Funktionäre der Wirtschaftskammer haben schon bessere Zeiten erlebt als diese. Kaum hat sich die Aufregung über die Spendenaffäre ihres Präsidenten Leopold Maderthaner ein wenig gelegt, treten drei der einflussreichsten Industriellen an die Öffentlichkeit und legen ein Reformprogramm vor, das im Falle der Umsetzung von den derzeitigen Kammerstrukturen nicht viel übrig lassen würde. Die "Initiative modernes Österreich" ist ein Frontalangriff gegen den Kammerstaat und damit auch das gesamte System der österreichischen Sozialpartnerschaft. Der Kampf wird aber weniger mit Ideologie als mit den der Wirtschaft besonders vertrauten Instrumenten Geld und Effizienz geführt: Claus Raidl, Peter Strahammer und Thomas Prinzhorn rütteln nicht am Prinzip der Pflichtmitgliedschaft, obwohl sie diese natürlich ablehnen. Stattdessen wollen sie die Kammer durch eine radikale Kürzung der Einnahmen zu jenen Reformschritten zwingen, die der verkrustete Apparat in den vergangenen Jahren nicht zu Stande gebracht hat. Für alteingesessene Kämmerer sind diese Forderungen unverständlich. Schließlich hat die Kammer in den letzten Jahren viel getan, um sich von einer Beamtenburg zu einer modernen Dienstleistungsbehörde zu wandeln. Doch was Maderthaner und selbst sein dynamischer Generalsekretär Günter Stummvoll nicht begreifen, ist, dass ihr Reformtempo mit jenem des wirtschaftlichen Wandels nicht mithalten kann. In den achtziger Jahren wäre der Wirtschaftskammer applaudiert worden für alles, was sie geleistet hat, hätte selbst Maderthaner den Anspruch des Reformers erheben können. Doch in Zeiten, wo viele Branchen nicht einmal wissen, ob es sie in fünf Jahren noch geben wird, ist die Kammer auf dem besten Weg, zu einem nutzlosen Anachronismus zu werden. Natürlich braucht jedes Land eine Arbeitgebervertretung. Doch wozu benötigt Österreich einen Apparat mit 17.000 Funktionären und ein Milliarden-Budget, wenn die meisten Leistungen, die von der Kammer geboten werden, auch auf dem freien Markt eingekauft werden können? Raidl und Co. tun so, als ob es ihnen ums Geld geht. Und tatsächlich sind für einen Konzern wie Böhler-Uddeholm, der täglich um die Steigerung der Erträge kämpft, die 17 Millionen Schilling an Kammerbeiträgen, denen ungenügende Leistungen gegenüberstehen, zwar keine Katastrophe, aber ein Ärgernis. Doch die wirkliche Absicht geht viel weiter. Hier wird an einer Säule gerüttelt, auf der der österreichische Proporzstaat ruht. Wenn sie wankt, hält das gesamte Gebäude nicht mehr. Daher ist die "Initiative modernes Österreich" zwar keine Konsequenz des 3. Oktober (die Planungen gehen weit zurück), aber eine logische Begleiterscheinung des FPÖ-Wahlerfolges. Hätten die ÖVP und ihre Satellitenorganisationen schon vor Jahren die Reformbereitschaft gezeigt, die jetzt von ihnen eingefordert wird, dann wären Leute wie Prinzhorn vielleicht nicht bei der FPÖ gelandet. Seine Mitgliedschaft in der Initiative bedeutet nicht, dass diese auf Jörg Haider hört, sondern dass frustrierte Wirtschaftstreibende, die sich in die Sackgasse Freiheitliche Partei verrannt haben, wieder wegzulocken sind, wenn ihnen andere Wege zu einer Reform gewiesen werden. Das derzeitige Verhalten der Wirtschaftskammer-Spitze wiederum wirkt wie ein Drehbuch, das Haider selbst verfasst hat, um bei der nächsten Wahl auf jeden Fall die Stimmenmehrheit zu erhalten. Angesichts eines privilegierten Funktionärs, der sich einzementiert, wenn ihm Fehlverhalten nachgewiesen wird, und einer Partei, die sich niemanden herausschießen lässt, fühlen sich viele Wähler in ihrer Entscheidung bestätigt, nicht für eine der beiden Regierungsparteien gestimmt zu haben. Die Industriellen-Initiative ist daher eine erste Chance für das bürgerliche Lager, aus der Haider-Falle wieder herauszukommen. Vielleicht wird sie diesmal genutzt.