E. A. Rauter

Delirieren" stammt aus dem Lateinischen und heißt ursprünglich "aus der Furche geraten", aus der lira. Der seit Jahrzehnten unermüdlich unreflektiert aus dem Bauch brabbelnde Günter Grass scheint durch den Preis einer inkompetenten Männergruppe in der schwedischen Hauptstadt in ein Delirium verfallen zu sein. Seine Aufforderung an Oskar Lafontaine "Halts Maul" zu dessen politischer Kritik, zeigt, dass wir im neuen Nobelpreisträger einen entnervten Rabauken haben.

Was verdanken wir dagegen an wahrem Denkvergnügen etwa den Werken von Marcel Proust - der den Preis nicht bekommen hat -, von Thomas Mann oder Claude Simon!

Ich habe Günter Grass einmal als Diskussionsredner im Republikanischen Club in Westberlin erlebt. Uns drehte sich angesichts der Grobheit seiner gesellschaftspolitischen Argumentation der Magen um.

Dass er einem Politiker, der die SPD-Politik kritisch begleitet, das Maulhalten schafft, passt durchaus zu seiner intellektuellen Vierschrötigkeit. Das wirklich Verheerende aber ist, dass dieser Spelunkenstil nun durch den Preis aus Schweden gleichsam "geadelt" wurde.

Bellen statt reden?

Wenn dieses Beispiel für die Art, wie wir öffentlich miteinander reden, Schule machen sollte, werden wir bald nur noch bellend miteinander kommunizieren: Halts Maul!, und das Bellen auch noch hochmusikalisch finden.

Oskar Lafontaine vorzuwerfen, dass er noch die Gesundheit aufbringt, das tägliche intrigante Machtgerangel nicht weiter mitzumachen, zeugt zudem von einer spießigen, kleinbürgerlich eingeengten Phantasie. Man sollte doch glücklich sein darüber, dass es noch Menschen gibt wie Lafontaine, denen der Sumpf der politischen Alltagsauseinandersetzung zu viel geworden ist. Und wir sollten es ihm hoch anrechnen, wenn er, nach seinem Verzicht auf Macht und Privilegien und folglich befreit von allen damit verbundenen Abhängigkeiten, unbefangen Kritik äußert. Er ist der einzige deutsche politische Kopf, der nicht nur begriffen hat, wie egal es ist, wer unter der Fuchtel der Deutschen Bank regiert, er hat als Einziger auch die Konsequenz daraus gezogen.

Am besten wäre es ja, der Aufsichtsrat der Deutschen Bank und das Präsidium des Deutschen Unternehmerverbandes würden offiziell die Regierung in Berlin übernehmen, das würde die Politik um einiges transparenter machen. Bloß: Warum sollten sie sich der Mühe unterziehen, öffentliche Angelegenheiten selbst zu regeln, solange sie Diener wie Gerhard Schröder finden, die wir bezahlen?

Bislang ist mir nicht bekannt, dass jemand öffentlich gegen das Rabaukentum von Grass angeschrieben hätte. Grass sagte einmal, er schäme sich, ein Deutscher zu sein, weil ... Ich sage: Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein, wenn ich erlebe, wie ein Repräsentant der angeblichen geistigen Elite dieses Landes mit dem Diskussionsbeitrag eines intelligenten Politikers umgeht, ohne dass ein Presseorgan in unserem Namen diese Art der geistigen Umweltverschmutzung in gebührender Form zurückweist. Und ich sehe nicht, was diesen Stil unterscheidet von den Reden der berüchtigten kurzhaarigen Stiefelträger. Im Grass-Ton gefragt: "Spinnt er?"

Literatur lebt von der Erforschung der Welt. Wenn ein Literat jemandem, der aus der traditionell abgeschotteten Politmafia heraustritt und Insiderwissen bekannt macht, den Mund verbietet, verhindert er Wahrheitsforschung, missbraucht er den Literaturpreis.

Ernst Alexander Rauter lebt als freier Schriftsteller in München und ist Dozent an der Publizistikakademie in Salzburg, München und Bonn.