Namhafte Schriftsteller: Mircea Dinescu, Henri Chopin, Gioconda Belli, Ed Sanders, Anne Waldman, Allen Ginsberg. Und weniger bekannte: Ryszard Dreger und Anna Lecka. Ihnen allen ist nach Ide Hintze, der mit den genannten Autoren Gespräche führte und diese nun zu einem Buch vereinigte, bei aller Verschiedenheit etwas gemein: In der einen oder anderen Form trugen sie entscheidend zu zwei Entwicklungen bei, die Hintze als geschichtlich originär und potentiell revolutionär einstuft: die politische Emanzipation, gefasst unter dem Motto "Autoren für Autorenrechte" und die codische mit ihrer Losung vom "Ende der Schriftkultur".Mirceau Dinescu etwa unternahm wesentliche Schritte als einer der Wortführer der rumänischen Revolution und Präsident des bemerkenswerten rumänischen Schriftstellerverbandes, Henri Chopin als Hauptvertreter der "poètes sonores", die das Diktum "Am Anfang war das Wort" durch "Am Anfang war der Sprachklang" ersetzten und für die Poesie fruchtbar machten, Gioconda Belli als sandinistische Guerillera, TV-Direktorin und Erfinderin der Clodomiro-Comics, Ed Sanders als prototypischer Multimedia-Poet, Anne Waldman als Lehrerin, Mitbegründerin und Direktorin der Jack Kerouac School, Allen Ginsberg als Beatpoet, Literaturprofessor und libertinärer Sexphantast, als den ihn Hintze bezeichnet. Und schließlich die zwei polnischen Künstler Ryszard Dreger und Anna Lecka, die in Hintzes Buch als namenlose Vorbereiter der zivilgesellschaftlichen Revolution und Betroffene der "betrogenen Generation" vorgestellt werden. Entlang der zwei Pole "Autoren für Autorenrechte" und dem Slogan "Ende der Schriftkultur" entwickeln sich Dialoge, die eine Menge konkreter Konzepte und Information enthalten, zugleich aber den Fragen nach der Kraft, Bestimmung und dem Funktionieren von Poesie produktiven Raum lassen. Was auch immer man von den einzelnen Autoren, die sich in diesem Buch in Gesprächen öffnen, und ihrem Schaffen halten mag, ganz gleich, ob man ihre Werke kennt oder nicht, unwesentlich auch, wie man sich zu Ide Hintze als Künstler verhält, der selbst als Schrift-, Audio-, Video- und Performancepoet und Leiter der schule für dichtung in wien die zwei Spannungspole in einer Person zu vereinen scheint: Die Dialoge, die Hintze hier präsentiert, sind spannende, intensive, teils sehr private, rücksichtslose Begegnungen, die jedes Haftenbleiben an einer glatten, versöhnlichen Oberfläche zu vermeiden suchen zugunsten einer Suche nach neuen poetischen Möglichkeiten und veränderten Zugängen zur Rolle und Funktion von Poesie und Autorschaft innerhalb einer Gesellschaft. Die Fragen nach den Beziehungen der Poesie zu politischen Revolutionen, Sexualität, der Lehr- und Lernbarkeit, die Fragen nach den konkreten Möglichkeiten der Veränderung der Schreib- und Existenzbedingungen von Autoren eröffnen Denkbereiche, die hierzulande im Literaturbetrieb nur allzu gern beschwiegen oder belächelt werden. Unmissverständliche Forderungen erhebt Hintze in den zwei Texten, die die Dialoge umrahmen: nach der Anerkennung der Poesie, die Ausdrucksformen jenseits der Schrift und der Sprache sucht, nach dem Erkennen ihres revolutionären Potenzials. Darüber hinaus: nach einer autonomen Autorenorganisation mit von der Politik unabhängigen Infrastrukturen. Umsetzbar etwa mit einer grundlegenden Reform des Urheberrechtsgesetzes. Die Forderung ist nicht neu, umso notwendiger ist sie. (DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So.,15.6.2002)