Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass verteidigt seinen Schriftstellerkollegen Martin Walser und ätzt gleichzeitig gegen Kritiker Marcel Reich-Ranicki. Trotz seiner fast 75 Jahre will sich der Autor weiter politisch engagieren.Dass er seinen Kollegen Martin Walser nicht sehr schätzt, ist an Seitenhieben zu merken. Aber gegen den Vorwurf des Antisemitismus, den die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) aufgrund eines Manuskripts erhoben hat, verteidigt ihn Grass - ohne das Buch Tod eines Kritikers , das am Mittwoch erschienen ist, gelesen zu haben: "Martin Walser ist kein Antisemit. Das ist das Letzte, was man ihm vorwerfen kann." Im Gespräch mit Auslandskorrespondenten in Berlin greift der Literaturnobelpreisträger seinerseits FAZ- Herausgeber Frank Schirrmacher an. Grass: "Der gleiche Herr Schirrmacher, der durch einen Vertrauensbruch sondergleichen das Ganze losgetreten hat, ist derjenige gewesen, der Walser noch vor kurzem hochgelobt hat. Die FAZ wollte nur einen Aufmacher haben." Nach einem Zug an seiner Pfeife setzt der Altmeister zu einer generellen Medienschelte an. "Das ist ein Krieg des Feuilletons." Die Verteidigung Walsers in der Süddeutschen Zeitung hätten vor allem ehemalige FAZ- Redakteure unternommen. Mit süffisantem Lächeln fügt der Schriftsteller aber hinzu, dass er Walsers Kritik an der Literaturkritik "zum Teil teilen" könne. "Die Frage ist, ob man darüber einen Roman schreiben kann." Und nach nochmaligem Zug an der Pfeife teilt Grass auch noch gegen die Hauptperson des Romans, den jüdischen Literaturkritiker und vormaligen Moderator im Literarischen Quartett, Marcel Reich-Ranicki, aus. "Das ist die Aufwertung eines Mannes, der sich als Quartett ausgegeben hat." In nettem Plauderton erzählt Grass dann, dass er Reich-Ranicki 1958 bei einem Besuch in der gemeinsamen Ursprungsheimat Polen kennen gelernt habe. "Damals hing er noch dem sozialistischen Realismus an", so Grass. Seine Bücher habe der Kritiker zumeist mit Verrissen begleitet. Am Ende habe sich Reich-Ranicki sogar für ein Spiegel -Titelbild hergegeben, auf dem er Grass' Roman Das weite Feld zerriss. "Seither will ich nichts mehr mit ihm zu tun haben." Er nennt ihn auch nicht beim Namen, sondern benutzt die dritte Person. Angst vor Rechtsruck Dass Grass die Antisemitismusdebatte und noch viel mehr die bevorstehende Bundestagswahl umtreibt, ist ihm anzumerken. Sein Engagement für Bundeskanzler Gerhard Schröder ist wohl auch mehr dem geschuldet, dass er dessen Herausforderer Edmund Stoiber verhindern will. "Es ist doch so, dass Europa zunehmend nach rechts rückt. Es hat begonnen mit Österreich, hat sich gesteigert in Italien, dann kamen Dänemark, Holland und Frankreich. Das ist eine beängstigende Entwicklung." Vom CSU-Kanzlerkandidaten Stoiber wisse man, so Grass, "dass er freundschaftliche Beziehungen zu Jörg Haider und Silvio Berlusconi pflegt". Vom S TANDARD gefragt, wo die Unterschiede zwischen Stoiber, Berlusconi und Haider liegen, da er diese schon in einem Satz nenne, grinst Grass: "Berlusconi regiert, Stoiber nicht." Und Haider? "Der hat, glaube ich, seine Zeit schon hinter sich. Er tanzt auf zu vielen Hochzeiten." In seiner eigenen Partei habe er schon keinen Zulauf mehr, da Haider nach dem Motto vorgehe: "Ich kandidiere, dann wieder nicht." Grass will sich im Wahlkampf für die SPD engagieren, wenngleich er mit Schröder "nicht hundertprozentig überein" stimme. Wie überhaupt die jetzige Politikergeneration sich nicht an Willy Brandt, Olaf Palme und Bruno Kreisky messen lassen könne. Diese drei Politiker von "überragendem Format" hätten wenigstens noch den Mut gehabt, Meinungen zu äußern, die von jenen der USA abwichen. Wie im Übrigen Grass der Meinung ist, dass die USA an den Attentaten vom 11. September mitschuldig seien, weil sie die so genannte Dritte Welt vernachlässigt hätten. "Da wundert man sich dann, dass daraus Enttäuschung, dann Zorn und Hass und daraus dann Terrorismus entsteht." Versöhnlich gibt sich der aus Danzig (damals Deutschland) geflohene Grass dagegen zum Thema Vertreibung, dem auch sein jüngstes Buch Im Krebsgang gewidmet ist. Zur Aufhebung der Benes-Dekrete in Tschechien und der Vertreibungsgesetze in Polen meint er: "Das wäre ein Schritt zurück. Man sollte nicht mehr daran rühren." Genauso will er es mit Memoiren halten: "Ich würde sofort anfangen zu lügen", meint er lachend. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.6.2002)