Vor den Klassenzimmern haben sich Warteschlangen gebildet. Von Zeit zu Zeit schieben sie sich weiter, und die nächste Person betritt das Klassenzimmer. Erkannt? Exakt, alle Jahre wieder um Weihnachten beginnt die Zeit der Elternsprechtage. Diese Tradition zieht sich seit Generationen durch die Schulen und lässt sich leicht in einer Karikatur darstellen: Ewiges Anstellen und Smalltalk mit anderen elterlichen Teilnehmern steht für die Eltern auf dem Plan, bevor sie sich endlich mit den Lehrern fünf Minuten über ihren Sprössling austauschen können. Die Schüler sitzen zu Hause und hoffen, dass das Gespräch zu ihren Gunsten verläuft. Wieso tut man sich das an? "Kommunikationsmöglichkeit" ist das Stichwort, laut Direktoren diverser Schulen.

Ein Blick auf die Uhr. Bereits seit einer Stunde sitzt eine Mutter am Gang vor dem Klassenraum und wartet darauf, dranzukommen. Sie will von der Lehrerin eigentlich nur wissen, worauf deren Notensystem basiert. "Hier erfahre ich mehr über die anderen Eltern als über die schulischen Leistungen meines Kindes", beklagt sie. Ein "Eltern-Schüler-Lehrer-Gespräch" zu einem individuellen Termin wäre ihr lieber.

Das Gesetz schreibt zwei Elternsprechtage im Unterrichtsjahr vor, aber nur an Pflichtschulen, also Volks- und Hauptschulen. An den anderen Schularten sei "durch die wöchentliche Sprechstunde des einzelnen Lehrers sowie bei Bedarf durch Sprechtage Gelegenheit zu Einzelaussprachen zu geben", so das Schulunterrichtsgesetz. Diese Bestimmung ist seit 1974, als das Gesetz beschlossen wurde, unangetastet geblieben. Ob der Bedarf an Kommunikation so groß ist, dass er durch die Sprechstunden nicht abgedeckt werden kann, entscheidet also die jeweilige Schule. (Anna Schnabl, Nikolaus Trimmel, DER STANDARD, Printausgabe, 7.12.2011)