Mit Befremden haben am Freitag der Redakteursrat von ORF und Puls 4 sowie die Redaktion von DER STANDARD/derStandard.at auf die Einschränkungen von Journalisten bei der Berichterstattung über den "Akademikerball" reagiert. Die Journalistengewerkschaft forderte zuvor, "eine freie und unabhängige Berichterstattung" zu ermöglichen. Reporter ohne Grenzen kritisierte die Regelung, nur zeitlich begrenzte Berichterstattung in Begleitung von Polizisten zuzulassen, als "alarmierende Verstöße gegen demokratische Grundprinzipien und das Recht aller in Österreich lebenden Menschen auf Informationsfreiheit". derStandard.at/Etat bringt die offenen Briefe an Polizeipräsident Gerhard Pürstl im Wortlaut.

Sehr geehrter Herr Präsident Dr. Pürstl,

Die Redaktion von DER STANDARD/derStandard.at fordert Sie hiermit auf, die Berichterstattung über den "Akademikerball" nicht durch zeitlich beschränkte Zugänge für Journalisten zu behindern.

Diese Maßnahme können wir nicht akzeptieren, weil sie eine Einschränkung der Pressefreiheit bedeutet, die uns daran hindert, unseren Job zu tun, nämlich so ausführlich wie möglich über das heutige Ereignis zu berichten. Das schulden wir unseren Leserinnen und Lesern.

Davos wurde auf Grund des World Economic Forums abgeriegelt. Dennoch können dort die Medien ungehindert ihrer Arbeit nachgehen und es sind auch Demonstrationen erlaubt. Dass das in Wien auf Grund eines Balls nicht möglich sein sollte, ist für uns nicht hinnehmbar.

Wir fordern Sie daher auf, das zeitlich eingeschränkte Platzverbot für Journalisten aufzuheben.

Die Chefredaktion und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von DER STANDARD/derStandard.at

Pürstls Reaktion auf den offenen Brief erreichte die Redaktion Sonntagnachmittag:

Es dürfte Ihnen und Ihren KollegInnen offenbar entgangen sein, dass die von Ihnen kritisierte Vorgangsweise seit vielen Jahren gängige Praxis bei derartigen Großereignissen ist und auch immer im Einvernehmen mit den jeweiligen Journalisten gehandhabt wurde.

Grundsätzlich haben auch Medienvertreter kein Recht, ein aus Gründen der öffentlichen Sicherheit verordnetes Platzverbot zu betreten. In einem derartigen Bereich geht es nämlich um den Schutz aller Personen und den Schutz vor allen möglichen Gefahren, die - wie das freitägliche Ereignis zeigte - auch im Platzverbot selbst auftreten können. Es ist daher nicht möglich, dass sich hunderte Journalisten und jene, die sich als solche ausgeben, zeitlich unbeschränkt und unbegleitet, in einer solchen Zone aufhalten.

Es ist der Wiener Polizei in der Vergangenheit und auch diesmal dennoch gelungen, den verschiedenen Medien so weit in deren Interessen entgegenzukommen, dass die mediale Berichterstattung trotz der erforderlichen Beschränkungen reibungslos funktioniert hat. Daher ist nicht viel mehr geblieben als Aufregung um etwas, was seit Jahrzehnten geübte und bewährte Praxis ist.

Sehr geehrter Herr Präsident Dr. Pürstl,

als Vertreter der ORF-Journalistinnen und -Journalisten fordern wir Sie auf, die Berichterstattung über den Akademikerball heute Abend in der Hofburg nicht zu behindern und Journalisten den ungehinderten Zutritt zu ermöglichen.

Journalisten müssen sich als unparteiische Beobachter ein objektives Bild machen, um über ein Ereignis berichten zu können. Platzverbote, Zutrittsbeschränkungen und die "Begleitung" durch Pressesprecher der Polizei widersprechen der Möglichkeit einer freien und fairen Berichterstattung. Es kann nichtim Ermessen der Polizei liegen, darüber zu bestimmen, wann, wo und wie lange der Zutritt zu einem Ereignis für die Berichterstattung erforderlich ist. Das ist der Versuch einer Zensur, der in einem demokratischen Land unzulässig ist. Sie schaden mit Ihrer Entscheidung, Journalisten auszusperren, nicht nur dem Ruf der Polizei, sondern dem Ruf der gesamten Republik. Pressefreiheit ist in allen entwickelten Demokratien ein hohes Gut, das durch besondere gesetzliche Vorkehrungen geschützt ist.

Journalistinnen und Journalisten berichten über alle Krisenherde und Kriegsschauplätze dieser Welt. Ein Platzverbot auch für Journalisten mit einer "potenziellen Gefährdunglage" für sie zu begründen, schützt nicht die Journalisten, sondern verunmöglicht ihnen die Arbeit.

Wir fordern Sie daher auf, diese unzumutbaren Einschränkungen der Pressefreiheit aufzugeben und den Journalisten den uneingeschränkten Zugang zu ermöglichen. Es gibt keinen Grund sich vor Journalisten zu fürchten, die ihrer Arbeit nachgehen.

Der ORF-Redakteursrat
Dieter Bornemann, Peter Daser, Eva Ziegler

Sehr geehrter Herr Präsident Dr. Pürstl,

der Redakteursrat von PULS 4, als Vertreter aller JournalistInnen in den Redaktionen von PULS 4, ProSieben Austria und Sat1 Österreich, nimmt mit Befremden zur Kenntnis, dass JournalistInnen heute Abend in der Berichterstattung über den Akademikerball in der Hofburg behindert werden. Wir als Journalisten müssen ungehindert über die Vorkommnisse des Balles in alle Facetten berichten dürfen. Platzverbote, Zutrittshürden, die Beschränkung der Zeit und die angekündigte Begleitung durch die Polizei machen dies unmöglich.

Wir bitten Sie daher, dafür zu sorgen, dass alle JournalistInnen ungehindert über den Akademikerball in der Hofburg berichten können und etwaige Behinderungen zu unterlassen.

Der Redakteursrat von Puls 4