"In Berlin war es schon einmal angenehmer ..."

Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch

Vergangenen Montag war in ich Berlin, um die Bösen Briefe, ein Buch, das ich gemeinsam mit Ernst Strouhal geschrieben habe, im Österreichischen Kulturforum zu präsentieren. Unterstützt wurde ich von der großartigen Adele Neuhauser, die auch in Deutschland immens populär ist und mit dem Vorlesen eines Erpresserbriefs ein paar Hundert Zuhörer nach allen Regeln der Kunst zum Erschauern bringen kann.

Danach hingen wir mit einer Freundin von Adele, die seit Jahrzehnten in Berlin lebt, beim Italiener Sale e Tabacchi ab und redeten über Gott, die Welt und Berlin. Vor allem über Berlin.

In Berlin war es schon einmal angenehmer. Die Stadt erlebt einen enormen Zuzug von Armen ("Arm, aber sexy" hat verfangen) und Reichen (viele Chinesen). Wohlfeile Wohnungen konnte man früher finden, inzwischen werden Immobilien teurer und nochmals teurer. Die Stadtregierung ist überfordert, mit der Qualität öffentlicher Dienstleistungen geht es bergab.

Das "Früher war es besser"-Lied ertönt nicht nur in Berlin. In London machen Geschichten von Garagenplätzen um eine Million Pfund die Runde. Spectator-Kolumnist Rod Little betitelte ein Lamento über die rapide abnehmende Lebensqualität für Nichtmillionäre mit "If you're not tired of London, you're tired of life". Das "not" war einst nicht in dem Satz gestanden.

In Dublin sind Mietpreise, seit Facebook, Amazon und Co dort den Ton angeben, durchgeknallt wie seit Menschengedenken nicht mehr. Der Journalist Kevin Baker, Langzeitbewohner der Upper West Side in Manhattan, prognostiziert in einer jener tollen Endlosreportagen, wie man sie nur in US-Magazinen (in diesem Fall: Harper's), dass New York "sterben" und zum Pseudodisneyland für Touristen verkommen wird. Und zur "Billionaire City", klar. Ein Appartment in 220 Central Park South wurde um 250 Millionen Dollar verkauft, während Mietpreise solche Höhen erreicht haben, dass seit Jahrzehnten eingesessene Geschäfte reihenweise schließen und dann leer stehen oder bestenfalls einem Starbucks weichen. "The landlords are killing the town", resümiert Baker bitter.

Güldene Dreiecke, diamantene Dachausbauten, in jeder Metropole ein "Pied à terre" für die Internationale der Superbetuchten. Gute Zeiten für Immobilienmogule. Was sie für gemeine Großstadtbewohner bedeuten, steht auf einem anderen Blatt. (Christoph Winder, 17.11.2018)