Es ist eine Lüge, dass Diamanten "a girls best friend" sind. Zumindest in Sachen Protzkultur gibt es im Hip-Hop keine Geschlechtertrennung. Männliche Spitzenverdiener hängen sich kiloschwere Ketten aus Gold oder Platin um, von denen Mädchen nur träumen können.

Wer es von ganz unten nach oben geschafft hat, der möchte schließlich auch zeigen, was er sich leisten kann. Je mehr, desto besser: Unterstatement ist etwas für Schwächlinge. Während der klassische Mann gerade einmal in eine Rolex oder Manschettenknöpfe investierte, nahm der Hip-Hop eine Vorreiterrolle ein: Ohrringe aus Brillanten, fette Armbänder, Ringe, die über mehrere Finger gingen.

Gendertheoretisch ist es durchaus interessant, dass ausgerechnet der Rap, dessen sexistischen und homophoben Tendenzen das Genre nach wie vor überschatten, schon früh auf eine dermaßen feminin konnotierte Sache wie Schmuck setzte.

Im Hip-Hop kann der Schmuck nicht fett genug sein: die US-Rapper Quavo und Offset.
Foto: Reuters / Andrew Kelly

Der Hip-Hop hatte von Beginn an eine Affinität zu markanten Halsketten. Kurtis Blow, der erste Rapper, dem es gelang, mit einem Major Label einen Vertrag an Land zu ziehen, hatte auf seinem ersten Album, das 1980 erschienen ist, zwar kein T-Shirt an, aber an seiner Brust baumelten gleich sechs Goldkettchen.

Zehn Jahre später sah die Sache schon ganz anders aus: Blow wäre ausgelacht worden für seinen dezenten Schmuck. Der Hip-Hop war gerade dabei, im Mainstream durchzustarten, die Plattenbosse machten ein Vermögen mit der innovativen Musik. Rapper waren die neuen Könige, die Geld wie Heu hatten. Gold wurde Mitte der 1990er-Jahre von Platin und Diamanten abgelöst, die Ketten wurden so lang und aberwitzig schwer, dass sie wie Karikaturen wirkten.

Es begann ein wahrer Wettbewerb unter den Rappern, wer die längere, teurere, verrücktere Kette trägt. Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt: Just Blaze überraschte mit einer Playstation-Fernbedienung, die mit schwarzen Diamanten besetzt war, Method Man trug eine Spritze, natürlich voller Glitzersteinchen.

Labels entwarfen damals ihren eigenen Schmuck für loyale Gang-Mitglieder. Wer bei Jay-Zs Roc-A-Fella Records unterschrieb, konnte sich über eine Logo-Chain um satte 100.000 US-Dollar freuen. Sänger wurden so zu Werbeträgern.

Rapperin Missy Elliott
Foto: Donald Traill / Invision / AP

Bling-Bling

1993 wurde der passende Begriff für diese aberwitzige Angeberei gefunden: Bling-Bling sang Jesse West in seinem Song "Dolly My Baby", ein Wort, das ursprünglich für facettierte Diamanten und andere Edelsteine stand, aber schon bald als Überbegriff für die Kultur des Zuviel wurde. Die überdrehten 2000er setzten noch eines drauf: Während in der 1980er- und frühen 1990er-Jahren eine Kette 20.000 US-Dollar kostete, gab es auf einmal keine Grenzen mehr nach oben, so manche Klunker am Hals hatten 100.000 US-Dollar Anschaffungswert.

Kein Wunder, dass viele Stars Opfer von Raubüberfällen wurden, sie liefen ja wie lebende Bankkonten durch die Gegend. Natürlich spazieren Hip-Hop-Stars nicht einfach in einen Shop und kaufen fertigen Schmuck. Schon früh wurde es üblich, sich Einzelstücke anfertigen zu lassen, die gemeinsam mit dem Juwelier entstanden sind.

Dadurch wurden die Händler auch zu Berühmtheiten. Jacob The Jeweler (sein richtiger Name lautet Jacob Arabo) war dermaßen populär unter Hip-Hop-Größen, dass er in mehr als 68 Songs erwähnt wurde. Er gilt als der Harry Winston der Rap-Welt.

Von Usher über Missy Elliott bis zu Wyclef Jean, alle kauften bei ihm ein. "I just wanted to dance, I went to Jacob an hour / After I got my advance, I just wanted to shine", singt Kanye West 2005 in "Touch the Sky". Aber auch im Mund zeigte man, was man hat: Der markante Zahnschmuck Grillz gehörte in den 2000ern bei Dirty-South-Rappern wie Nelly oder Paul Wall zur Serienausstattung – sie widmeten ihm sogar einen Song.

KanyeWestVEVO

Größenwahn

Wo stehen wir heute? Klar klotzen Rapper noch immer gern. Das beste Beispiel dafür ist Drake mit seiner "Stone Island"-Kette um 100.000 US-Dollar oder sein gigantischer Eulen-Anhänger, der aus über zwei Kilogramm Gold und mehr als 100 Karat Diamanten besteht.

Rapper Quavo hat sich doch glatt einen dreidimensionalen "Star Wars"-Yoda aus Diamanten herstellen lassen. Das kommt in Zeiten von Instagram gut an. Größenwahn gehört im Hip-Hop nach wie vor zur Serienausstattung. Aber das Gefüge hat sich trotzdem verschoben.

Rapper sind fixer Bestandteil der Modewelt geworden, sie sitzen bei den Schauen in der Front Row, sind mit Designern wie Raf Simons befreundet, werden überschüttet mit Werbeaufträgen.

Noch einmal Quavo während der diesjährigen Met-Gala.
Foto: Afp Foto / Angela Weiss

Hip-Hop ist in der Understatement-Phase angekommen. Die Hipster-Rapper haben einen Sinn für Avantgarde-Mode und subtilen Schmuck entwickelt. Distinktion statt Protzerei: Es geht darum, modisch am Puls der Zeit zu sein, und nicht bloß darum, seinen Reichtum auszustellen. Fachwissen darüber, was angesagt ist, wird zunehmend wichtiger.

Kanye West setzt nicht nur in seiner Modelinie Yeezy auf reduzierte Schnitte und sportliche Silhouetten. Wenig Bling-Bling, kein großes Namenslogo, man weiß auch so, was Yeezy ist, dafür sorgt schon seine Frau Kim Kardashian auf Instagram.

Kanye brachte im Vorjahr mit "Jacob" eine Schmucklinie aus Gold heraus, die inspiriert war von der Renaissance. Modedesigner und DJ Virgil Abloh ließ sich von ihm für sein Label Off-White eine Goldkette aus Büroklammern machen, die er noch immer gern selbst trägt. Der Schmuck wird dezenter und selbstironischer.

Der Diamantenwahn ist ohnehin paradox, auch das wurde einigen Rappern in den vergangenen Jahren bewusst: In Afrika werden schwarze Hilfsarbeiter ausgebeutet, damit schwarze Hip-Hop-Mogule in Amerika ihre XXL-Blutdiamanten zur Schau stellen können. The Game rufen in ihrem 2012 entstandenen Song "Blood Diamonds" zu Solidarität auf: "I don't like these phony ass jewelers with that fake shit / Overcharging niggas an arm and leg just to make shit." Es wäre wünschenswert, wenn Hip-Hop auch darin eine Vorreiterrolle einnehmen würde: "Bling-Bling with Consciousness" – ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, woher die Rohstoffe kommen. (Karin Cerny, RONDO exklusiv, 28.12.2018)

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