Mariah Careys Auftritt bei den American Music Awards im heurigen September oszillierte wie so vieles im Leben der Popdiva zwischen großer Geste und Fremdschämen.

Foto: Reuters/Anzuoni

Ungefähr eine halbe Milliarde Menschen haben bisher auf Youtube das aus dem Jahr 1994 stammende Lied All I Want for Christmas Is You angeklickt. Das bedeutet im Fach des Weihnachtsschlagers Weltrekord. Es lässt selbst Last Christmas von Wham! weit hinter sich und befindet sich jetzt im Advent gerade wieder auf den Spitzenplätzen der Hitparaden.

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Möglicherweise könnte man mit den Einkünften des Lieds vernünftige Sachen anstellen: den Weltfrieden vorantreiben, den Klimawandel stoppen, indem man die globalen Bestände an Haarspray zusammenkauft und in einer Düsenrakete in den Weltraum schießt, oder eine Anstandsschule für Rechtspopulisten gründen, dieses Zeug.

Letzte wirklich aktive popdiva

Wir sprechen aber von Mariah Carey. Die 48-jährige New Yorkerin übt als letzte wirklich aktive Popdiva aus den katzengoldenen 1990er-Jahren ihren Beruf mit großer Sorgfalt aus (Schiffeversenkerin Celine Dion mag nicht mehr, Whitney Houston kann nicht mehr). Mariah Carey arbeitet sehr hart dafür, Mariah Carey zu sein.

Mit den aus ihrer fünfoktavigen Stimme und ihrem melismatischen Gesangsstil gezogenen Erträgen beschäftigt sie für ihr Geld dann auch lieber einen Haarkreationisten, eine Person, die sie backstage flugs in ihre Bühnenkostüme einnäht (unter uns, Mariah mag keine Reißverschlüsse), mehrere Shoppingberater, weil sie an Demokratie glaubt, sowie eine Person, die das Telefon nicht abhebt, wenn Jennifer Lopez anruft.

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Vier Träger, die sie auf einer Sänfte von der Garderobe raus vor das Publikum tragen, weil sie Stufen ebenso ablehnt, wie sie ihre noch immer großartige Stimme schonen muss, kommen dann zum Privatjet auch noch dazu, aber lasst uns nicht von Peanuts sprechen. Fakt ist: Wenn es Mariah Carey gutgeht, geht es Mariah Carey gut.

Live und ohne Autotune

Die immer noch großartige Stimme kommt im Gegensatz zum Großteil der Kolleginnenschaft übrigens live tatsächlich noch durchgehend live und ohne Autotune zum Einsatz. Der melismatische Gesang beruht, das ist jetzt auch auf Caution, Mariah Careys neuem Album, zu hören, auf der Kunst der Vokalzerdehnung. Carey singt nicht einfach "Ba-by!", wenn es um Baby geht (und wenn es nicht um Darling geht, geht es immer um Baby). Carey singt mindestens: "Ba-a-a-a-hä?-ja-eh!-a-a-a-a-by-i-i-i-ie!"

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Der Gesang mag in den pflichtschuldig von einer ganzen Kompanie an Musikern, Produzenten und Komponisten wie etwa EDM-Gott Skrillex, den Altspatzen Timbaland und Slick Rick, Ty Dolla $ign oder Poo Bear entwickelten Songs etwas reifer und bauchiger geworden sein. Die Stücke gehen ohnehin seit Jahren weg vom fröhlichen Popsoul zum reflexiven R 'n' B.

Wirklich interessant wird die Sache auf dem von der Kritik hochgelobten Album Caution, wenn Mariah Carey das gewohnte Terrain verlässt und sich auf Giving Me Life mit dem gehypten Künstler Blood Orange auf laszive Räkeleien am Mikro einlässt. (Christian Schachinger, 12.12.2018)