Russland will sein Erdgas auch nach China liefern. Die entsprechenden Bande sind geknüpft. Die Chinesen stellen Kredite bereit und sichern sich so Energielieferungen.

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Die Flüssiggasanlage in Sabetta im heurigen Frühling als sie noch nicht ganz fertig war. Jamal LNG ist allerdings insgesamt trotz Extrembedingungen ein Jahr früher fertig als geplant.

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Ein eisbrechender Tanker hat den Vorteil, dass er rund um die Welt fahren kann – dank Klimaerwärmung auch immer länger durch die Nordostpassage bis nach China und Südostasien.

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Eine Flugstunde von Sabetta entfernt verschwindet die Sonne am Horizont. Ein paar Minuten spiegelt sich das Abendrot in den Wolken, dann fällt die Dunkelheit ein. Es ist zwei Uhr mittags, als der Aeroflot-Flieger im äußersten Norden Sibiriens auf der Halbinsel Jamal aufsetzt, dennoch ist es kurz darauf stockdunkel. "Die Sonne habe ich das letzte Mal vor eineinhalb Monaten gesehen", sagt Kellner Jewgeni, der in der Kantine der Montagesiedlung arbeitet. Aufgehen wird sie wieder Ende Jänner.

"Am 25./26. Januar feiern wir hier die Sonnenwende", erklärt Geologe Wassili, ein "alter Polarhase". 1982 war er das erste Mal auf Jamal. "Damals haben wir hier in Zelten gehaust, bei Temperaturen von 46 Grad unter null", erzählt er. Damals, zu Sowjetzeiten, haben die Geologen das Gasfeld Juschno-Tambejskoje (Süd-Tambejsk) gefunden, das mit geschätzten Reserven von 1,4 Billionen Kubikmeter Gas als Rohstoffbasis für das gigantische LNG-Projekt Jamal LNG dient. Erst jetzt wird mit der Ausbeutung begonnen. Süd-Tambejsk liegt selbst für Jamal hoch im Norden: über dem 71. Breitengrad. Dort, wo der Strom Ob sich in die arktische Karasee schiebt. Am Strand tauchen heute noch ab und zu Eisbären auf.

Stein auf Stein

In Zelten lebt hier niemand mehr. Innerhalb von sieben Jahren hat Novatek, der zweitgrößte russische Gaskonzern nach der Gazprom, eine Gasverflüssigungsanlage, einen Hafen, einen Flughafen und eine auf Stelzen stehende Siedlung für mehrere Tausend Arbeiter aus dem Dauerfrostboden gestampft. Sogar eine orthodoxe Kirche steht in dem Ort, der Sabetta heißt und nördlicher als Hammerfest in Norwegen liegt.

Es gibt hier alles, was man braucht: Strom, Wärme, üppiges Essensangebot, Fitnesssaal, Internet. Ständig lebt trotzdem kaum jemand in Sabetta. Die Wohnheime werden schichtweise belegt. Arbeiter sind 30 bis 45 Tage hier, um dann für die gleiche Zeit "aufs Festland" zurückzukehren.

Gebaut, gebohrt und verladen wird aber auch im Winter – zumindest bis zu minus 32 Grad. So wie an diesem für Sabetta mit zehn Grad Frost eher milden Dezembertag, als der dritte Terminal der in der Dunkelheit wie ein Christbaum leuchtenden LNG-Anlage in Betrieb genommen wird. Damit fährt die Anlage mit voller Kraft. Die entlädt sich in einem dröhnenden Rauschen, als die Befüllung des eisbrechenden Gastankers Christophe de Margerie startet. Die VIP-Gäste, darunter der russische Premier Dmitri Medwedew, Novatek-Großaktionär Leonid Michelson, Total-Chef Patrick Poyanné und Wirtschaftsdelegationen aus China und Japan verfolgen die Zeremonie im Gemeindesaal. Es gibt Grund zum Klatschen: Jamal LNG ist trotz Extrembedingungen ein Jahr früher fertig als geplant.

Schwenk nach Asien

Medwedew doziert über die strategische Bedeutung des Projekts: "Schon ein halbes Jahrhundert kooperiert unser Land erfolgreich mit seinen europäischen Nachbarn, nun gehen wir auch auf den asiatischen Markt."

Genau das ist das strategische Ziel der 27 Milliarden Dollar teuren LNG-Anlage. Noch gilt der asiatische Markt als besonders lukrativ, da die asiatischen Verbraucher wegen ihrer Abgeschiedenheit von großen Rohstoffquellen einen Obolus zahlen. 16,5 Millionen Tonnen Gas kann Jamal LNG pro Jahr verflüssigen. Das entspricht 23 Milliarden Kubikmetern. Zum Vergleich: Über die Pipeline Jamal-Europa kommen 33 Milliarden Kubikmeter unter anderem bis nach Deutschland. Doch Pipelines sind standortgebunden, LNG-Tanker können rund um die Welt fahren – dank Klimaerwärmung auch immer länger durch die Nordostpassage bis nach China und Südostasien. Auch wenn Poyanné betont, dass ein Teil des Gases nach Europa komme, und sein Konzern Total 20 Prozent an Jamal LNG hält: Der Anteil der Chinesen ist größer. CNPC hat 20, der Seidenstraßenfonds 9,9 Prozent. Und die Chinesen haben sich mit Krediten an den Mehrheitsaktionär Novatek Langzeitverträge über riesige Mengen Gas gesichert.

Es ist das erste Großprojekt Russlands, das tatsächlich die rhetorisch im Kreml schon lange vollzogene Diversifizierung der Energielieferungen verwirklicht. Die von Gazprom gebaute Pipeline Sila Sibiri ("Kraft Sibiriens") wird wohl erst 2019 in Betrieb gehen.

Wettlauf gegen Gazprom

Es ist fast symbolisch, dass Novatek Gazprom auch beim Wettlauf gen Osten überholt hat. Beim Thema LNG ist der Konzern, an dem auch der Putin-Vertraute Gennadi Timtschenko Aktien hält, der schwerfälligen staatlichen Gazprom ohnehin weit voraus. Michelson plant, die Kapazität von Jamal LNG weiter aufzustocken. Darüber hinaus hat der Multimilliardär am Ostufer des Ob auf der Halbinsel Gydan ein weiteres milliardenschweres LNG-Projekt, Arctic LNG-2, in Arbeit. Bis 2030 wolle Novatek die LNG-Produktion auf 65 bis 70 Millionen Tonnen steigern, so Michelson. Das entspricht fast 100 Milliarden Kubikmetern – nahezu doppelt so viel wie durch Nord Stream in Deutschland ankommt.

Bis dahin soll auch die Eistankerflotte deutlich ausgebaut werden. Der Kreml selbst will Umschlagplätze in Murmansk und auf Kamtschatka aufbauen, damit die teuren Eistanker tatsächlich nur auf der Nordostpassage verkehren und das Gas anschließend auf normalen Tankern weiter verfrachtet wird – dorthin, wo es gerade am teuersten ist. Ein paar Jahre wird es also noch dauern, bis Russland endgültig die Diversifizierung seiner Energielieferungen erreicht. Aber der Anfang ist gemacht. (André Ballin aus Sabetta, 17.12.2018)