Der Löwe unter den Beuteltieren: Thylacoleo carnifex.
Illustration: REUTERS/West Australian Museum

Adelaide – Eineinhalb Meter lang und über 100 Kilogramm schwer, bullig gebaut und mit mächtigen Pranken sowie furchterregenden Zähnen ausgestattet, war Thylacoleo carnifex das größte fleischfressende Beuteltier aller Zeiten. Als man Mitte des 19. Jahrhunderts in Australien erstmals Fossilien dieses Eiszeit-Riesen fand, lag es daher nahe, ihn nach dem "König der Tiere" zu benennen. Der Beutellöwe war geboren.

Dass es neben dem Beutellöwen in Australien auch Beutelmarder, Beuteldachse, Beutelmulle, Beutelwölfe und viele andere Pendants zu Tieren aus der Alten Welt gibt oder gab, liegt am Phänomen der konvergenten Evolution: Um die Nahrungsressourcen eines Lebensraums optimal auszuschöpfen, entwickeln Tiere Anpassungen in Körperbau und Verhalten, die für diese Aufgabe möglichst gut geeignet sind. Form follows function, das alte Design-Gesetz gilt ganz besonders in der Zoologie. Dadurch können aber auch Tiere mit ganz unterschiedlicher Herkunft Ähnlichkeiten entwickeln – siehe etwa die Flossen von Fischen und Walen.

Das Leben als Stück

Man kann sich die Kontinente wie eine Reihe von Bühnen vorstellen, auf denen überall dasselbe Stück gespielt wird – nur die Darsteller wechseln. Auch die Bühne Australien bot Wüsten, Wälder, Grasländer und Flusslandschaften, doch fehlten hier die Tiergruppen, die solche Lebensräume auf den anderen Kontinenten ausgefüllt haben.

Eurasien und das mehrfach durch Landbrücken damit verbundene Nordamerika bildeten den Kern der heutigen, weitgehend globalisierten Säugetierwelt. Nachdem sich im Zuge der Kontinentalverschiebung Afrika und viel später auch Südamerika diesem Block angeschlossen hatten, setzte sich auf all diesen Landmassen eine weitgehende Vereinheitlichung durch: Im Lebensraum Baumkrone konkurrieren bis heute Primaten und Nagetiere um die Vorherrschaft. Die Grasländer werden von Paarhufern und Unpaarhufern beweidet. Und auf sie alle machen die Angehörigen einer einzigen Säugetierordnung Jagd: Die Raubtiere (Carnivora) haben andere fleischfressende Säugetiergruppen, die es einmal gab, erfolgreich an die Wand gespielt.

Mangels Antilopen & Co übernahmen in Australien Kängurus die Rolle von pflanzenfressenden Fluchttieren. Sie sind mit dem Beutellöwen übrigens recht nah verwandt.
Foto: REUTERS/Stefan Postles

Nichts davon war im bis heute weitgehend isolierten Australien vorhanden. Dort hatten sich anders als im Rest der Welt die Beuteltiere gegen die Plazentatiere, zu denen alle oben genannten Gruppen gehören, durchgesetzt. Die Gründe dafür kennt man noch immer nicht. Nachdem der Sonderfall aber einmal eingetreten war, waren die Beuteltiere das einzige Rohmaterial, mit dem die Evolution arbeiten konnte. Die Folge sind all die eingangs genannten "Beutel"-Spezies, die Australien die Anmutung einer Parallelwelt geben.

Spitzenprädatoren

In dieser Parallelwelt nahm Thylacoleo carnifex neben verschiedenen Krokodilarten und dem sieben Meter langen Waran Megalania als einziges Beuteltier die Rolle eines Spitzenprädators ein. Wie genau er diese ausfüllte, darüber herrschte unter Paläontologen lange Zeit Uneinigkeit. Nun berichten Forscher der Flinders University und des South Australia Museum im Fachmagazin "Plos One" von neuen Fossilienfunden, die das Bild vom Beutellöwen ergänzen.

Im Süden Australiens wurden in zwei Höhlen, der Komatsu Cave und der Flight Star Cave, Beutellöwenfossilien mit bislang fehlenden Skelettteilen entdeckt. Nun kann man genau rekonstruieren, wie der Schwanz und die Schlüsselbeine des Beutellöwen aussahen – und das ermöglicht Rückschlüsse auf sein Bewegungsvermögen und damit auch auf sein Verhalten.

Das rekonstruierte Skelett des Beutellöwen ermöglicht Schlüsse darauf, wie die daran ansetzende Muskulatur aussah.
Illustration: Wells et al., 2018

Anders als der echte Löwe, der mit seinem dünnen Schwanz höchstens Fliegen verscheuchen kann, hatte der Beutellöwe offenbar einen steifen und sehr muskulösen Schwanz. Der könnte im Bedarfsfall durchaus als "drittes Bein" fungiert haben, wie man es von Kängurus und anderen Beuteltieren kennt, resümieren die Forscher Roderick Wells und Aaron Camens. Auf den Schwanz gestützt, hätte sich der Beutellöwe aufrichten können und seine Vorderbeine wären freigespielt gewesen – entweder um zu klettern oder um Nahrung zu ergreifen.

Die aktuellen Funde bestätigen frühere Vermutungen, dass Thylacoleo gut klettern konnte – ein Erbe seiner Vorfahren, die noch auf Bäumen gelebt haben und Pflanzenfresser waren. Immerhin gehörte Thylacoleo zur selben Beuteltiergruppe wie Kängurus und Wombats.

An den Schlüsselbeinen setzten kräftige Vorderbeine an, mit denen der Beutellöwe gut zupacken konnte. Zusammen mit dem offenbar wenig flexiblen unteren Bereich der Wirbelsäule hätten sie ihn aber von schnellem Laufen abgehalten. Dass der Beutellöwe wie sein Namensvetter aus Afrika seiner Beute über einigermaßen weite Strecken hinterherpreschte, kann man laut den Forschern daher ausschließen. Der Beutellöwe scheint eher darauf angelegt gewesen zu sein, seine – durchaus großen – Opfer aus dem Hinterhalt zu überfallen und/oder Aas zu fressen.

Das Diprotodon, ein Wombat-Verwandter in der Größe eines PKWs, dürfte zur bevorzugten Beute des Beutellöwen gehört haben. Für kleinere und schnellere Tiere war sein Körperbau nicht gut geeignet.
Illustration: Rom-diz

Rechnet man die verschiedenen Merkmale zusammen, wäre die Bezeichnung Beutelbär vielleicht passender gewesen – die war allerdings schon an den Koala vergeben. Und in einem Punkt ähnelte Thylacoleo tatsächlich eher Löwen als Bären: In den Höhlen wurden die Überreste von Exemplaren aus verschiedensten Altersgruppen gefunden: ein Hinweis darauf, dass der bullige Räuber kein Einzelgänger war, sondern ein soziales Wesen.

Beutellöwen existierten bis vor etwa 45.000 Jahren – also bis zu der Zeit, als sich die ersten Menschen in Australien ausbreiteten und die Großtierarten des Kontinents reihenweise auszusterben begannen. Bis ins frühe 20. Jahrhundert war danach der wesentlich kleinere Beutelwolf der größte Räuber unter den Beuteltieren. Und nachdem der auch noch ausgerottet wurde, stellt heute der gerade einmal acht Kilogramm schwere Beutelteufel den Gipfelpunkt beuteltragenden Fleischfressertums dar. (jdo, 27. 12. 2018)

Mickrig im Vergleich zur einstigen Megafauna: der Beutelteufel.
Foto: Ken Bohn/San Diego Zoo