Michael Haneke: "Wenn ich einen gemeinsamen Nenner für meine Filme finden muss, dann ist es die Wut über die Heuchelei."

Foto: Picturedesk

Eigentlich sei das ja eine Banalität, sagt Michael Haneke, aber die Grundlagen für einen gelungenen Film sind das richtige Casting und ein gutes Drehbuch. Mit konsequent verstörenden Filmen, die den Zuschauer mit einem Ungenügen konfrontieren, das sie lieber ignorieren würden, hat er selbst oft bewiesen, dass er diese Regel einzuhalten versteht. Wie ausgereift seine Arbeiten bereits in schriftlicher Form sind, davon kann man sich nun selbst ein Bild machen.

Erstmals sind alle Drehbücher seiner Kinofilme, von Der siebente Kontinent bis Happy End, in einer voluminösen Buchausgabe erhältlich. Die Skripts enthalten weit mehr als die szenischen Auflösungen von Caché, Das weiße Band oder Amour. Sie demonstrieren Hanekes bis ins Detail unübersehbar visuelles Denken. Grund genug, um den Filmemacher in seinem Wiener Stammcafé in der Josefstadt zu treffen, um über die Entwicklung seines Stils zu sprechen.

STANDARD: Manche Autoren folgen beim Schreiben bestimmten Ritualen. Haben Sie einen bevorzugten Ort?

Haneke: Meistens schreibe ich bei mir zu Hause oder in meinem Haus auf dem Land im Waldviertel. Ich versuche, in die Einschicht zu gehen, weil ich mich dann besser konzentrieren kann. Man lässt sich ja gern ablenken. Da muss nur einer anrufen und sagen: "Komm doch vorbei." Oben habe ich diese Störung nicht. Ich bin zu weit von allem entfernt.

STANDARD: Der Computer hat ja auch einiges an Ablenkungen zu bieten. Sie nutzen bestimmt einen, oder?

Haneke: Das erste Buch zu Der siebente Kontinent hab ich noch mit der Schreibmaschine geschrieben. Ich hatte eine schicke Kugelkopf-Schreibmaschine, auf die ich wirklich stolz war. Dieter Berner, der die Hauptrolle in Der siebente Kontinent spielte, und der Kameramann Toni Peschke hatten sich damals frisch Computer gekauft. Die haben mich damit richtig bearbeitet. Ich habe mich schließlich breitschlagen lassen, und ab Benny's Video habe ich dann alles mit dem Computer geschrieben. Deswegen kann ich meine alten Fernsehdrehbücher auch nirgends mehr als Datei abrufen.

STANDARD: Wo beginnen Sie beim Schreiben? Bei "Amour" gab es ja die Geschichte über Ihre Tante, die sterben wollte.

Haneke: Das war der äußere Anlass. Sie hat mir den Impuls geliefert, um mich mit dieser Problematik auseinanderzusetzen. Meine Tante hat sich umgebracht. Sie hat mich gefragt, ob ich ihr helfen könne. Ich sagte, das könne ich nicht – ich hätte das emotional nicht geschafft, und weil ich ihr Erbe war, hätten sie mich auch sofort ins Gefängnis gesteckt. Das war mein Alibi, um mich davor zu drücken. Obwohl ich ein Verfechter der Möglichkeit bin, mit der Hilfe eines anderen seinem Leben ein Ende zu setzen.

STANDARD: Und wenn es keinen direkten Auslöser gibt?

Haneke: Ich sage immer, dass mir etwas auffallen muss. Mit fällt erst etwas ein, wenn mir vorher etwas aufgefallen ist. Etwas, was mich ärgert oder berührt. Meistens ärgert es mich oder macht mich wütend. Dann will ich es genauer wissen. Und dann schau ich, was mir weiter auffällt. Es gibt diese schöne Szene aus A Woman Under the Influence, wo Peter Falk sagt, sobald deine Frau schwanger ist, sieht man nur noch schwangere Frauen auf der Straße. Das ist wahr. Sobald man bei einem Thema angedockt hat, fallen einem tausend Sachen auf.

STANDARD: Ein Prozess des Framings?

Haneke: Ja, es sammelt sich etwas an. Oder es verdichtet sich etwas. Beim Siebenten Kontinent war es ein Artikel, den ich in der Zeitung gelesen habe. Mich interessiert immer das Ungesagte an diesen Geschichten. Eine Familie verbrennt ihr Geld, zertrümmert ihr ganzes Hab und Gut und bringt sich um. Da folgen die üblichen journalistischen Erklärungen. Sie hätten sich sexuell nicht verstanden oder hätten Schulden gehabt – dieser ganze Mumpitz! Das hat mich geärgert an den Artikeln über diesen Fall. Diese dumme Heuchelei, dass man zu wissen vorgibt, woran es liegt. Ich fragte mich, wie ich durch Auslassungen etwas sagen könne, was uns alle berührt. Was ich aber nicht benenne, sodass der Zuschauer gezwungen ist, sich damit auseinanderzusetzen. Radio Bremen hat mich damals gefragt, ob ich etwas fürs Fernsehen machen will. Ich habe das Buch geschrieben, sie waren jedoch total dagegen, weil man das im Fernsehen nicht machen kann.

STANDARD: Hatten Sie nicht davor eine Fassung, bei der Sie Rückblenden eingesetzt haben?

Haneke: Ja, aber die habe ich niemandem gezeigt. Das war genau die gleiche dumme Methode, die Geschichte aus der Vergangenheit heraus erklärbar zu machen. Nachdem ich mich drei oder vier Wochen damit gequält habe, wurde mir klar, dass man den Film nur als Chronik von Ereignissen erzählen kann.

STANDARD: Ein ganz entscheidender Schritt, auf die Psychologie zu verzichten.

Haneke: Da ist viel zusammengekommen. Ich hatte davor zirka zehn Fernsehfilme gemacht, die eher konservativ und traditionell erzählt sind. Es kann kein Zufall gewesen sein, dass ich durch ein Buch, bei dem ich Schwierigkeiten hatte, die richtige Form zu finden, schlussendlich beim Kino gelandet bin.

STANDARD: Wissen Sie noch, was der Auslöser dafür war, dass sich der Knoten löste?

Haneke: Mir wurde einfach klar, dass die Erklärungsdramaturgie des Fernsehfilms, wo alles psychologisch oder soziologisch eingebettet wird, hier nicht funktioniert. Beim Sehen eines Films hatte ich das schon viel früher verstanden, aber es hatte sich nicht auf mich übertragen – so geht es einem ja auch oft mit Büchern: Man liest etwas, aber es sickert nicht ein. Und nach Jahren sagt man plötzlich: Ein Wahnsinn. Man muss bereit sein für etwas. Ich war durch die vielen Fernsehfilme an einem Punkt, wo mir klar war, dass ich das nicht ewig weitermachen will.

STANDARD: Wenn Sie Maler wären, könnte man sagen, das war Ihr Schritt in die Abstraktion.

Haneke: Die ersten Filme bis zu 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls haben auf jeden Fall Modellcharakter. Das habe ich im Lauf der Jahre teilweise wieder abgelegt. Ich sage immer, ein Film darf nicht nur eine Geschichte haben, sondern er muss darüber hinaus auch etwas über die Gesellschaft aussagen. Sonst ist es eine Wald-und-Wiesen-Story. Eine Liebesgeschichte kann ich erzählen, indem ich Love Story mache. Das interessiert mich nicht. Ich kann sie aber auch wie Nader und Simin erzählen. Asghar Farhadi nimmt auch viel von dem Außen mit, obwohl eine Liebesgeschichte im Zentrum steht.

STANDARD: Sie suchen also bewusst nach diesen vergesellschafteten Inhalten?

Haneke: Das ist unser Leben! Alle guten Dramen porträtieren das ganze Umfeld. Und je detailreicher sie sind, auch im privaten Sinn, desto genauer werden sie auch in ihrer objektiven Sichtweise sein. Das Problem der politisch engagierten Filme ist doch gerade, dass sie nur beweisen, was sie bewiesen haben wollen. Davon gibt es im heimischen Film zu viele, oder im deutschsprachigen. Die langweilen mich zu Tode.

"Wir sehen zu 99 Prozent Wischiwaschi", sagt Haneke: "Warum ist das Kino der Dritten Welt so viel interessanter?"
Foto: APA

STANDARD: Sie treten als Autor eigentlich einen Schritt zurück, meinen Sie?

Haneke: Ich nehme natürlich auch einen bestimmten Standpunkt gegenüber der Welt ein, aber keinen ideologischen, schon gar nicht, wenn ich das Buch schreibe. Meine Haltung wird sich dennoch darin niederschlagen, ob ich will oder nicht. Das geht auch gar nicht anders. Es gibt ja diese banale Weisheit, dass jeder Autor immer das gleiche Buch schreibt. Klar. Ist ja auch immer der gleiche Kopf. Der kann sich wandeln: Ein Musterbeispiel wäre Thomas Mann, der zuerst ein übler Reaktionär war, sich dann aber durch die historische und gesellschaftliche Entwicklung verändert hat. Trotzdem waren sein Blick auf die Welt und die Genauigkeit seiner Sprache immer die von Thomas Mann.

STANDARD: Sie haben einmal gesagt, Sie waren von Beckett beeinflusst, später dann immer mehr von Tschechow.

Haneke: Wobei ich immer auch sage: Im Nachhinein ist man besonders schlau. Ich interpretiere ja auch das, was ich über mich gehört habe. Natürlich sieht man als 14-Jähriger die Dinge anders als ein 40-Jähriger. Beckett war damals der King. Meinen Studenten an der Filmakademie sage ich gern, das Schwierigste für einen schöpferischen Menschen sei daraufzukommen, wer er selber sei. Man redet sich ja schnell etwas ein.

STANDARD: Vorbilder stören?

Haneke: Natürlich klammert man sich an Vorbilder. Aber wenn ein Student sagt, er wolle einen Film in meinem Stil machen, sage ich gleich: "Bitte lassen S' das, das ist das Falscheste, was Sie machen können!" Dann können Sie mich nur nachmachen, und das werden Sie bestimmt nicht besser machen. Ich habe meinen Stil entwickelt, und das dauert. Thomas Mann ist dafür ein schlechtes Beispiel, denn wenn jemand mit 24 Jahren die Buddenbrooks schreibt, zählt das nicht. Mozart gilt auch nicht. Aber normal begabte Menschen entwickeln sich. Durch jedes Buch, durch jeden Film lerne ich etwas. Ich war in den ersten Filmen sicher beeinflusst von Robert Bresson, weil das für mich das Nonplusultra hinsichtlich der Reflexion über das Medium war.

STANDARD: Ihr jüngster Film "Happy End" wirkt wie ein Fazit: Sie erzählen ungewohnt sarkastisch von den Auflösungserscheinungen des Bürgertums. Antworten auf die Krisen der Gegenwart haben die Figuren keine mehr.

Haneke: Es gibt doch nur noch Kleinbürger, zumindest in unseren Breiten. Reiche Kleinbürger und ärmere Kleinbürger. Alle haben die gleiche verlogene Kleinbürgermentalität. Es stimmt aber nicht, dass ich dauernd über das Großbürgertum erzähle. Ich hab immer Filme über die Leute gemacht, die ins Kino gehen.

STANDARD: Auch gut.

Haneke: Es geht um den ganz normalen Durchschnittsbürger. Da gehören alle dazu, außer vielleicht jene unterhalb der Armutsgrenze. Wenn ich einen gemeinsamen Nenner für alle meine Filme finden muss, dann ist es die Wut über die Heuchelei. Es sind alles Filme gegen die Heuchelei, manche mit mehr, manche mit weniger Humor. Aber, dass ich als ein Autor des aussterbenden Bürgertums bezeichnet werde, wie das die internationale Kritikergilde formuliert, macht mich eher sauer. Wir sterben ja alle aus. Wir werden sehen, wie Europa in hundert Jahren ausschaut – ich weiß es nicht. Unsere Gesellschaft ist seit vielen Jahren auf einem absteigenden Ast. Da ich mit dem letzten Film eine Farce im Sinne hatte, war das natürlich innerhalb einer Familie zugespitzt.

STANDARD: Weil Sie von einer Farce sprechen: Die ergibt sich ja auch dadurch, dass Sie auf Ihre eigenen Filme Bezug nehmen.

Haneke: Es ist das Wesen der Farce, dass sie etwas bündelt und zuspitzt. In dieser Summe an Lächerlichkeiten und Entsetzlichkeiten kann es dieses Szenario in der Wirklichkeit natürlich nicht geben. Aber ich habe diese Form nicht zufällig gewählt, weil ich die Situation, in der wir alle sind, als immer schlimmer empfinde. Es ist freilich auch ein Resümee der Themen, die mich immer beschäftigt haben. Darum heißt es ja Happy End (lacht).

STANDARD: Wir haben die Tragödie verwirkt, haben Sie einmal gesagt.

Haneke: Die Tragödie wurde vom bürgerlichen Trauerspiel abgelöst, und dieses wiederum von der Farce. Happy End ist insofern auch eine Gegenüberstellung zum bürgerlichen Trauerspiel, das Der siebente Kontinent noch war.

STANDARD: Apropos Themen: Das Konfliktpotenzial hinsichtlich von Migration nach Europa haben Sie schon früh behandelt.

Haneke: Ja, weil ich wohl wachen Auges durch die Welt gehe und mir aufgefallen ist, dass das ein Riesenproblem ist. Das ist natürlich schon davor klugen Leute aufgefallen: Das 20. Jahrhundert war jenes des Ost-West-Konflikts, das 21. Jahrhundert wird jenes des Nord-Süd-Konflikts sein. Hat zwar jeder irgendwie gewusst, war aber lange ein Theorem.

STANDARD: Hat das nicht auch in Ihren Filmen etwas verschoben? Die französischen Filme, wo Migration mit "Code: inconnu" ein Thema wird, wirken offener. Die Widersprüche strahlen nun auch stärker nach außen.

Haneke: Ich habe für diesen Film viel recherchiert und mich in neue Territorien und Milieus hineingewagt. Dennoch glaube ich, dass es für diesen Eindruck einen banaleren Grund gibt: meine Lust an den Schauspielern. Die Arbeit mit den Schauspielern hat überhaupt dazu geführt, dass ich nach Frankreich kam. Juliette Binoche hat die Trilogie gesehen und gefragt, ob wir nicht etwas gemeinsam machen können. Wenn ich schon solche Schauspieler habe, dann wollte ich das auch nutzen. Ich komme ja aus einer Schauspielerfamilie. Das stand auch ein egoistischer Trumpf dahinter. Code: inconnu ist ja kein völlig anderer Film als 71 Fragmente. Ich wollte das Beschreiben des Lebens in Fragmenten noch weiter treiben, indem ich nunmehr jede Szene in einer einzigen Einstellung drehe.

STANDARD: Zugleich lässt der Film mehr Deutungen zu.

Haneke: In meinem Gesamtwerk ist das sicher der freundlichste Film. Im Ernst. Er ist der Einzige, wo nichts negativ ausgeht. Im Prinzip endet er mit einem Hoffnungsbild. Der stumme Bub, der seinen Urlaub beschreibt. Deswegen haben die wenigsten Leute mit Amour und diesem Film Schwierigkeiten. Die anderen Filme sind eine Zumutung. Ich hoffe, dass sie das sind. Wenn ein Drama keine Zumutung ist, braucht man es gar nicht schreiben.

STANDARD: Utopien interessieren Sie künstlerisch einfach nicht?

Haneke: Nur negative Utopien als Provokation. Es ist in unserer Umwelt der einzige Weg, sich ernsthaft zu äußern. Alles andere ist Wischiwaschi. Wir sehen ja zu 99 Prozent Wischiwaschi. Warum ist das Kino der Dritten Welt so viel interessanter als das europäische?

STANDARD: Sie meinen, es hat eine andere Dringlichkeit.

Haneke: Es beschäftigt sich nicht mit der Zukunft, sondern ernsthaft mit der jetzigen Situation. Wenn man sich die französischen Filme anschaut, findet man kaum einen, der sich ernsthaft mit der Gegenwart befasst. Die machen geschickte, kultivierte Filme. Und langweilige. Da ist mir Lars von Trier mit all seinen Provokationen tausendmal lieber.(Dominik Kamalzadeh, Album, 5.1.2019)