Vor einem halben Jahrhundert wurde in Österreich die LSG gegründet. Die sogenannte "Wahrnehmung von Leistungsschutzrechten GmbH" ist eine gemeinsame Verwertungsgesellschaft der Musikbranche und vereint nach eigenen Angaben rund 18.000 Interpreten und 5.000 Labels unter ihrem Dach. Der Jubiläumsevent war prominent besetzt. Zum Festakt sprachen neben dem Geschäftsführer Franz Medwenitsch auch Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) und der in Deutschland derzeit als "Popstar" seines Fachs geltende Philosoph Richard David Precht.

Dominierend war die Auseinandersetzung mit dem digitalen Wandel, der auch vor der Musik nicht haltgemacht hat. Wenngleich klassische Piraterie zurückgeht und immer mehr Konsumenten sich für Streamingdienste wie Spotify und Apple Music entscheiden, ortet Medwenitsch Bedarf an politischem Handeln. Denn "online fehlt oft das grundsätzliche Verständnis dafür, dass für Content überhaupt etwas zu bezahlen ist".

Blümel war einst Napster-User

Während einst 20.15 Uhr eine Fixzeit für die familiäre Zusammenkunft vor dem Fernseher war, sei es "undenkbar, dass das Leben heute vom TV-Programm geregelt wird", beschrieb Blümel seinen Eindruck der Veränderung. Diese erlebe er auch an sich selbst. Zur Jahrtausendwende wurde auch er vom CD-Käufer zum Nutzer der Online-Tauschbörse Napster, gestand er ein. Politisch gelte es nun, "Grundprinzipien" zu bewahren. "Eigentum muss auch im digitalen Raum Eigentum bleiben", so sein Appell.

Auch Kulturminister Blümel verfiel in seiner späten Jugend der Napster-Verlockung.
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Blümel lobte ein Urteil des Handelsgerichts Wien. Puls 4 war gegen Googles Videoplattform vorgegangen, weil Nutzer Sendungen hochgeladen hatten. In Deutschland sahen Gerichte Youtube bisher als reinen Vermittler von Inhalten an, womit die Verantwortung für Urheberrechtsverletzungen den jeweiligen Nutzern zufiel. Die Wiener Richter hingegen sind der Ansicht, dass "durch Verknüpfungen, Sortierungen, Filterungen und Verlinkungen" eine Kuratierung der Inhalte erfolgt und Youtube somit nicht als "neutral" einzustufen ist. Demnach sei das Unternehmen auch für Copyrightverstöße haftbar. Der Spruch ist allerdings nicht rechtskräftig, das Verfahren geht nach Googles Einspruch in die nächste Instanz.

Der Kulturminister verlautbarte zudem, dass die Bundesregierung sich weiterhin für die umstrittene EU-weite Copyright Directive starkmachen werde, deren Finalisierung unter dem österreichischen Ratsvorsitz bis Ende 2018 nicht geglückt ist.

Precht sieht "Unfreiheit für Produzenten"

Umfassende Kritik an den IT-Riesen wie auch der Kreativbranche selbst kam schließlich von Richard David Precht. Im Internet scheine die informationelle Selbstbestimmung kaum zu existieren, werde sie doch praktisch mit einer Bestätigung der Geschäftsbedingungen von Google und Co abgegeben. Das sei paradox, handle es sich doch eigentlich um ein unveräußerliches Grundrecht, das auch in der EU-Charta definiert sei.

Er sieht eine "Banalisierung des geistigen Eigentums" auf mehreren Ebenen. Es sei so einfach wie nie, Werke zu kopieren und weiterzugeben. Der digitale Vertrieb führe zudem zu einer materiellen Entkopplung, was den Wert der Werke schwerer begreifbar mache. "Freiheit und Kostenfreiheit werden gleichgesetzt", was jedoch "Unfreiheit für Produzenten" nach sich ziehe, argumentiert er.

Richard David Precht teilt in Richtung Kreativwirtschaft und Silicon Valley aus.
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"Wir hielten sie für Götter aus Übersee"

Als wesentliches Problem sieht er auch die Reduktion von Menschen auf ihre Daten, was er vor allem den Größen des Silicon Valley vorwirft. Politik und Wirtschaft in Europa seien lange naiv gewesen. "Wir hielten sie für die Götter aus Übersee und ließen uns mit Glasperlen abspeisen", vergleicht er die Situation mit dem Schicksal lateinamerikanischer Indianerstämme nach der Landung der Eroberer aus Spanien und Portugal.

Auch Gesellschaftskritik gab es von Precht. Der Kapitalismus präge mittlerweile das Denken der Menschen. Obwohl es so viel Freiheit wie noch nie gebe, engten sich die Menschen durch die "pausenlose Suche nach dem Optimum" selbst ein. Das Leben bestehe zunehmend aus Plänen und immer weniger aus Geschichten. Treffen fänden zunehmend nur zweckgewidmet statt und würden andernfalls als nutzlos erachtet. So finde eine Verwechslung der messbaren Seite der Realität mit der Realität selbst statt.

Massentauglichkeit statt Tiefgang

Selbst in die Kreativbranche sei diese Entwicklung durchgesickert. Kaum ein großer Film werde fertiggestellt, ohne dass er vorher diverse Marktforschungstests durchlaufe. Buchverlage hielten höchstens noch ihren Bestsellerautoren die Treue, Tiefgang werde zugunsten erhoffter Massenkompatibilität geopfert. Man schätze eigene Werke zunehmend selber gering, was sich auch in der zunehmenden Bezeichnung als "Content" äußere.

Precht plädiert für eine Rückkehr zu einem "liebevollen Wertschätzungsverhältnis" zwischen Verlagen und Kunstschaffenden. Wenn man diesen Wert bewahren könne, sei er auch hinsichtlich der Entwicklungen im Urheberrecht zuversichtlich. (Georg Pichler, 17.1.2019)