Die Armut geht in Indien zwar zurück, die Ungleichheit steigt dennoch.

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Es ist eine simple Botschaft, die Oxfam regelmäßig trommelt, kurz bevor sich führende Unternehmer und Politiker beim Weltwirtschaftsforum in Davos treffen. Die Welt wird, zumindest was die Vermögensverteilung betrifft, immer ungerechter, sagt die britische NGO Jahr für Jahr. Am Montag legte Oxfam eine neue Berechnung dazu vor.

Demnach ist die Zahl der Dollarmilliardäre im vergangenen Jahr weiter gestiegen, und zwar auf 2.208 Personen. Allein diese kleine Gruppe besitzt demnach ein Vermögen von 9.100 Milliarden US-Dollar. Das Vermögen dieser kleinen Elite stieg im vergangenen Jahr um zwölf Prozent an.

Dagegen hat die untere Hälfte der Erdbevölkerung, 3,6 Milliarden Menschen, über die vergangenen zwölf Monate elf Prozent ihres Gesamtvermögens verloren. Prompt kam heftige Kritik an dieser Darstellung. Angesichts des starken Wirtschaftswachstums in China und Indien seien die Zahlen höchst unrealistisch, so ein Vorwurf.

Armut sinkt

Hinzu kommen unzweifelhafte Erfolge bei der Armutsbekämpfung. Laut Weltbank etwa leben heute 1,1 Milliarden Menschen weniger in extremer Armut als noch vor 25 Jahren. Als extrem arm gelten nach dieser Definition Menschen, die mit weniger als 1,9 US-Dollar am Tag auskommen müssen. Was stimmt also, geht die Kluft bei den Vermögen tatsächlich auseinander?

Oxfam erhebt die Daten nicht selbst. Die Vermögenswerte der Milliardäre stammen von der Reichenliste des Magazins Forbes. Die Werte über die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung nimmt Oxfam aus einem Bericht der Credit Suisse.

Die Schweizer Großbank versucht einmal im Jahr die globale Vermögensentwicklung mithilfe eigener Analysten und externer Wissenschafter darzustellen. Die Qualität der Daten zu Vermögen ist weltweit sehr unterschiedlich. Die Studie der Credit Suisse gilt allerdings unter Ökonomen als das Seriösestmögliche zum Thema.

Keine exakte Wissenschaft

Die Credit Suisse meldet jedes Jahr nur die tatsächliche Vermögensentwicklung, Oxfam korrigiert die Werte um die jährliche Inflationsrate, wobei die Organisation Inflationszahlen aus den USA verwendet. Anschließend wird die Vermögensentwicklung bei der unteren Hälfte der Weltbevölkerung aus der Credit-Suisse-Studie mit den Zahlen von Forbes für die Reichen verglichen. Daten aus verschiedenen Quellen, die selbst nur auf Schätzungen beruhen: Diese Methodik sei keine exakte Wissenschaft, sagt der Verteilungsforscher Wilfried Altzinger von der Wirtschaftsuniversität Wien. Seiner Meinung nach sei das aber gar nicht der springende Punkt: Die Vermögensungleichheit sei derart groß, "dass auf das Zehntel hinter dem Komma" zu achten keinen Sinn mache.

Das Vermögen der Reichsten

Was aber sagt die Credit-Suisse-Studie selbst? Die Schweizer vergleichen andere Gruppen als Oxfam, stellen etwa nicht auf Milliardäre ab. Aber lässt sich aus den Zahlen der Bank das Gleiche herauslesen wie bei Oxfam, nämlich dass die Kluft zwischen Arm und Reich wächst? Die Antwort lautet: Ja und Nein.

Vor Davos macht Oxfam regelmäßig von sich reden.
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Seit dem Jahr 2000 hat es laut Credit Suisse drei Phasen gegeben. Zwischen 2000 und 2007 hat die untere Hälfte der Weltbevölkerung in den Vermögensstatistiken deutlich dazugelegt, und zwar stärker als die Superreichen. Im Mittel hat sich das Vermögen der Weltbevölkerung etwa verdreifacht, wobei es starke Zuwächse in Afrika und Asien gegeben hat. Mit der Wirtschaftskrise ging diese Entwicklung zu Ende. Die Häuserpreise fielen.

Die oberen 10.000

Nach dem Einbruch erholten sich vor allem die Werte von Finanzpapieren wieder recht schnell – davon profitierten aber nur Reiche. Seit 2008 steigt also die Ungleichheit bei Vermögen wieder stark an. In Afrika und auch Asien (Ausnahme: China) ist der Vermögensbesitz im Mittel sogar zurückgegangen. Erst in der jüngsten Untersuchung der Credit Suisse aus dem Herbst 2018 spricht die Bank von einem Ende dieser Entwicklung: Die Ungleichheit steigt jetzt nicht weiter an.

So oder so: Auch hier lautet eine zentrale Botschaft, dass die Unterschiede extrem sind. Das reichste Prozent der Weltbevölkerung hält derzeit 47,2 Prozent des globalen Vermögens, gleich viel wie im Jahr 2000. Die untere Hälfte der Weltbevölkerung besitzt demnach weniger als ein Prozent. (Andràs Szigetvari, 22.1.2019)