Rembrandts "Nachtwache" und technisches Equipment, um den Zustand des Gemäldes zu untersuchen.

Foto: (AP Photo/Peter Dejong

Sie hat das Gesicht abgewendet und schaut gedankenverloren nach links – auf den Lippen ein kaum merkliches Lächeln. Ihr rotes Samtkleid leuchtet dem Betrachter schon von weitem entgegen. Auch ihr eleganter Hut ist aus Samt, gekrönt von einer Feder. Das Porträt im Profil von Saskia aus der Kassler Gemäldegalerie gehört zu den schönsten Bildern, die Rembrandt je von seiner Frau gemalt hat. "Es ist das einzige, das Saskia nicht als mythologische oder biblische Person zeigt", erklärt Kuratorin Marlies Stoter vom Fries-Museum in Leeuwarden. "Hier sagt uns der Maler: Schaut her, das ist meine Frau!"

Nach fast 270 Jahren ist die Bürgermeistertochter aus Leeuwarden in ihre Heimatstadt zurückgekehrt – als Prunkstück der Ausstellung Rembrandt & Saskia: Liebe im Goldenen Jahrhundert, der Auftaktschau für das Rembrandt-Jahr 2019. Offiziell eröffnet wird das Gedenkjahr am Mittwochabend von der ehemaligen Königin Beatrix im Mauritshuis in Den Haag, das eine der wichtigsten Rembrandt-Kollektionen der Welt besitzt, darunter die Anatomiestunde des Dr. Tulp und Rembrandts letztes Selbstporträt.

Aufstieg zum Nationalsymbol

Am 4. Oktober jährt sich sein Todestag zum 350. Mal. Grund genug für die gesamte Nation, ihren großen Meister mit Manifestationen und Sonderausstellungen überall im Land zu ehren. Zu Recht, findet Kuratorin Stoter: "Rembrandt bedeutet uns Niederländern sehr viel", betont sie. "Er hat uns gelehrt, wie man Menschen betrachtet."

Nach seinem Tod 1669 wurden zunächst nur die fein gemalten Werke geschätzt, die in den 1630er-/1640er-Jahren entstanden – allen voran die Nachtwache, das größte Bild des Malers, mit dem er Bewegung in das bis dahin so statische Gruppenporträt gebracht hatte. Das Spätwerk, das von freien, kühnen Pinselstrichen lebt, wurde erst im 19. Jahrhundert wiederentdeckt. Damals stieg der Müllersohn aus Leiden zum Nationalsymbol der Niederländer auf. "Zuvor war Rubens unser Nationalsymbol, denn damals gehörte Belgien noch zu den Niederlanden", erklärt Kuratorin Stoter. "Als sich die Flamen und Wallonen 1830 abgespaltet hatten und ein eigener Staat wurden, behielten sie Rubens. Wir Niederländer brauchten einen neuen Helden, und das wurde Rembrandt."

Frage nach der Echtheit

Das 19. Jahrhundert war nicht nur von der Nationalstaatsidee geprägt, sondern auch vom Geniekult. Rembrandt wurde verklärt, fortan galt er als geplagtes Genie, als der Seelenmaler, der sich in Schulden verstrickte, weil ihm das Schicksal nicht nur viel zu früh seine große Liebe Saskia geraubt hatte, sondern auch Titus, den einzigen Sohn.

Diese Wahrnehmung änderte sich erst in den 1960er-Jahren, als das Rembrandt Research Project (RRP) begann, das OEuvre des Malers auf seine Echtheit hin zu überprüfen und in der Folge Hunderte von Werken abschrieb. "Eine Reinigungsaktion war das, eine Revolution", sagt Gregor Weber, Leiter der Abteilung Bildende Kunst im Amsterdamer Reichsmuseum. Es sei ein typisches Kennzeichen der 68er-Jahre gewesen, plötzlich zu denken: "Ich muss Rembrandt ganz anders empfinden. Wir müssen demokratisch beschließen: Was ist ein Rembrandt, was ist kein Rembrandt?"

Dem Genie ganz nah

Die Folge: Von den 611 Gemälden, die dem Maler 1935 noch zugeschrieben wurden, sind 340 übrig geblieben."Und ich glaube nicht, dass diese Urteile noch revidiert werden müssen", sagt Professor Ernst van de Wetering, der beim RRP von Anfang an mit dabei war: "Rubens war brillant – aber Rembrandt genial."

Heute ist es aufgrund immer neuer technischer Mittel möglich, diesem Genie so nahe zu kommen wie nie zuvor. So wie im nächsten Sommer, wenn ein internationales Team aus 18 Experten im Reichsmuseum mit der Restaurierung der Nachtwache beginnt. Sie erhoffen sich viele neue Erkenntnisse, zum Beispiel, was die Ursache des Schleiers ist, der sich über das riesige Gemälde gelegt hat: Befindet er sich lediglich in der Firnis- oder bereits in der Farbschicht? Es ist die erste gründliche Restaurierung seit 40 Jahren. Sie findet vor Ort statt, hinter einer Glasscheibe, vor der sich die Neugierigen vermutlich drängen werden, um den Restauratoren über die Schulter zu schauen.

Jeder Generation ihren Rembrandt

Wie kommt es, dass Rembrandt bis heute Massen von Kunstliebhabern fasziniert? "Jede Zeit entdeckt ihren eigenen Rembrandt", antwortet Gregor Weber. "Weil er so Schattierungen hat." Dadurch gelinge es dem alten Meister immer wieder, die Bedürfnisse der jeweiligen Generation zu befriedigen. Auch jetzt, 350 Jahre nach seinem Tod, im Zeitalter von Facebook und "Egodokumentalismus", wie Weber es nennt: "Rembrandt hat ja ebenfalls eine Art Ego-Dokument hinterlassen."

Wie kaum ein anderer Maler hat er sich immer wieder selbst studiert und exponiert – auf Gemälden, Zeichnungen und Radierungen. Lachend, grimassierend, nachdenklich oder traurig: "Damit kann er anno 2019 als Gleichgesinnter wiedererkannt werden", so Weber. Wobei heute nicht mehr von Selbstbildnissen die Rede ist, sondern von Selfies: "Die hat er massenweise gemacht, insgesamt 80 Stück." (Kerstin Schweighöfer, 27.1.2019)