Exzentrische Erscheinung: Karl Kraus, Gottfried Benn und Friedrich Dürrenmatt waren alle große Bewunderer der schöpferischen Lyrikerin Else Lasker-Schüler.

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Charismatisch war schon ihre Erscheinung: Gekleidet in exzentrische Gewänder, die zuweilen ins Karnevalistische ausschweiften, gab sie sich und anderen selbsterfundene mythische Namen. "Tiger Jussuf, Prinz von Theben" wurde ihr dichterisches Alter Ego, geformt nach der Legende von Joseph, den seine Brüder nach Ägypten verkauften. Später, vor allem im Gedichtzyklus Hebräische Balladen (1913), kamen andere Gestalten hinzu, meist aus dem Alten Testament: Isaak, Ruth, Esther. Alle erscheinen enthoben in einen Märchen- und Legendenraum voll frei schwingender Klang- und Bildermacht.

Die gesamte Lyrik Else Lasker-Schülers ist von diesem Reichtum an Traumseligkeit und Möglichkeitssinn erfüllt: eine schöpferische Eigenmacht, die einzig in der schwerelos schwebenden Fantasie der Dichterin gründet.

Aus wohlhabender Familie

Geboren wurde Else Schüler, die später auch den Namen ihres ersten Mannes Berthold Lasker trug, vor 150 Jahren, am 11. Februar 1869, in eine wohlhabende jüdische Familie in Elberfeld, einer Stadt, die es wie in einer mythischen Sage längst nicht mehr gibt: Sie wurde 1929 in die Kreisstadt Wuppertal eingemeindet. "Ich glaube, ich bin am Anfang aus einem goldenen Stern, aus einem funkelnden Riesenpalast auf die Erde gefallen", schrieb die Dichterin 1913 in dem Essayband Gesichte. Da lebte sie schon längst in Berlin, hatte Malerei studiert und den Sohn Paul geboren, dessen Vater sie zeitlebens geheim hielt.

Mit Herwarth Walden, dem Herausgeber der Kunstzeitschrift Der Sturm, war sie in zweiter Ehe verheiratet. Kurz nachdem auch diese Ehe gescheitert war, lernte sie das Ehepaar Franz und Maria Marc kennen.

Bis zu Franz Marcs Kriegsverpflichtung 1914 entwickelte sich eine hochpoetische illustrierte Korrespondenz zwischen "Prinz Jussuf" und dem Maler, der als "Blauer Reiter" firmierte. Die knapp sechs Dutzend bemalten Karten und Briefe, die auf zauberische Weise von der Doppelbegabung beider Künstler erzählen, gehören zu den bedeutendsten Zeugnissen des deutschen Expressionismus.

Ihr Leben lang war sie eine große Liebende, die verzückt die Sehnsucht des Eros besang: "Komm zu mir in der Nacht – wir / schlafen eng verschlungen. / Müde bin ich sehr, vom Wachen / einsam. (...) Komm zu mir in der Nacht auf / Siebensternenschuhen / In Liebe eingehüllt spät in / mein Zelt. (...) Wir wollen wie zwei seltene / Tiere liebesruhen / Im hohen Rohre hinter dieser Welt."

In den Künstlerzirkeln Berlins beheimatet, fand sie trotz ständiger Geldknappheit und Entbehrung viel Anerkennung. Gedichtbände und Erzählungen erschienen in rascher Folge, ihr Schauspiel Die Wupper wurde gleich zweimal aufgeführt.

Vertreibung aus dem Paradies

Als 1927 ihr Sohn Paul an Tuberkulose stirbt, wird sie von Grund auf erschüttert. Sie sucht Trost in religiösen Schriften, hauptsächlich des Judentums, das sie nur als fundamentale Haltung gelten lässt: "Hab mich so abgeströmt / von meines Blutes / Mostvergorenheit. / Und immer, immer noch der Widerhall / in mir, / Wenn schauerlich gen Ost / Mein Volk zu Gott schreit."

1932 erhielt Else Lasker-Schüler, zusammen mit dem oberösterreichischen Blut-und-Boden-Barden Richard Billinger, den hochangesehenen Kleist-Preis. Nach tätlichen Angriffen auf der Straße emigrierte sie 1933 in die Schweiz. In Zürich fand sie, als nur in Ungnaden Aufgenommene, den passenden lyrischen Ausdruck für ihr Emigrantenschicksal: "die Verscheuchte". Die Fremdenpolizei unterwarf sie einem strengen Aufenthalts- und Melderegime, dem sie nur durch fortgesetzten Ortswechsel entsprechen konnte. Zweimal reiste sie nach Palästina, bei der dritten Reise 1939 war ihr durch den Ausbruch des Kriegs der Rückweg nach Europa versperrt.

Bitterkeit des Exils

In Palästina überfiel sie die Bitterkeit des Exils. Trauer und Verlassenheit legten tiefe Schatten auf die hochfliegende Selbstgewissheit ihrer dichterischen Fantasie: "Ich glaube, wir sind alle füreinand gestorben – / Und auch gestorben unser Café in Berlin. / Arm zog ich aus, ich habe nichts erworben. / Und meine Tränen ließ ich in Berlin." 1943 wird ihr letzter Gedichtband Mein blaues Klavier veröffentlicht, in einer Auflage von nur 330 Exemplaren. Wie endgültig entfernt erscheint nun das Traumland Theben angesichts der ihr aufgezwungenen Wirklichkeit: "Das Land blieb ja dasselbe: Urland, die Schöpfung, aber ich versinke in mir und werde hier vor Traurigkeit sterben", heißt es 1940. Ein Jahr später zeichnet sie in einem ihrer letzten Jussuf-Bilder den an einem Baum hängenden Prinzen. Im Grauen der Einsamkeit nennt sie das Blatt. Am 22. Jänner 1945 stirbt Lasker-Schüler in Jerusalem und wird einen Tag später auf dem Ölberg begraben.

Karl Kraus lobte Else Lasker-Schüler früh schon als "die stärkste und unwegsamste lyrische Erscheinung des modernen Deutschland". Für Gottfried Benn war sie schlichtweg "die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte". Und Friedrich Dürrenmatt befand: "Sie sah die Dinge wie zum ersten Mal und sagte sie wie zum ersten Mal." Dieses Geheimnis der Schönheit ihrer Dichtung blieb erhalten wie am ersten Tag: Es enthüllt Weltschöpfung aus Archaik und Moderne. (Oliver vom Hove, Album, 3.2.2019)