Deckel öffnen oder schließen und spülen kann diese smarte Toilette auf Zufruf – via App. Die Geschäfte erledigen sich aber nicht von selbst.

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Während des Technologiehypes der späten 1990er-Jahre galt die Telekombranche als einer der aussichtsreichsten Bereiche des Internetzeitalters. Welch Fehleinschätzung: Die Aktienkurse europäischer Telekomanbieter grundeln zwanzig Jahre später im Schnitt bloß bei einem Viertel der damaligen Höchstwerte herum. Den großen Reibach haben nämlich andere gemacht, und zwar Internetfirmen wie Amazon, Microsoft oder Google, während bei den Telekoms die Erträge sehr schlank blieben.

Das Grundproblem: Telekomfirmen können sich als Infrastrukturanbieter kaum von der Konkurrenz abheben, daher erfolgt der Wettbewerb über den Preis. Dazu kommt, dass die Branche in den vergangenen Jahren von Diensten wie Whatsapp oder Skype auch immer stärker in ihrem eigenen Kerngeschäft, der Kommunikation, angegriffen wird. Um dem enormen Wettbewerbsdruck zu entkommen, der noch dazu von hohen Investitionen in den Ausbau einer leistungsfähigen Breitbandinfrastruktur begleitet war, haben etliche europäische Telekoms versucht, in anderen Geschäftsfeldern Fuß zu fassen. Bisher mit überschaubarem Erfolg, wie die Beraterfirma EY in einer Branchenstudie zusammenfasst.

Datengewinnung

Künftig könne sich das Blatt für die Telekoms aber wenden, der MobilfunkStandard 5G sollte die Branche wieder ins Spiel bringen, erklärt Severin Eisl, Experte für Medien und Telekommunikation bei EY Österreich. Besonders im Internet der Dinge (IoT) sieht er großes Potenzial. Dabei geht es um das intelligente Vernetzen von Geräten in Haushalt, Verkehr oder industriellen Produktionsprozessen – und das Nutzen der daraus gewonnenen Daten. Ein Markt, der zügig wachsen sollte.

Das Geschäftsvolumen mit dem Internet der Dinge soll sich laut EY-Prognose in Österreich im Jahr 2030 auf 16 Milliarden Euro erhöhen, das entsprich einer Vervierfachung des derzeitigen Niveaus. Weltweit soll sich der Kuchen bis dahin ebenfalls fast vervierfachen, auf 2,3 Billionen US-Dollar. Für die Telekombranche geht es darum, dieses Potenzial auch zu nutzen – nicht nur im Kerngeschäft, der Konnektivität, denn das wird am gesamten Kuchen EY zufolge bloß 15 Prozent des Marktvolumens ausmachen.

Multimilliardenmarkt

"Klassische Telekommunikationsunternehmen müssen heute aufpassen, nicht zu Randfiguren in einem Multimilliardenmarkt zu werden", warnt Eisl. Das Internet der Dinge werde die Art und Weise, wie Menschen leben und sich fortbewegen und wie Dinge produziert werden, grundlegend verändern. Smart Cities, Homes oder Factories – das sind Bereiche, in denen die Telekoms laut EY durch das Bereitstellen digitaler Plattformen und Apps mitmischen und künftig gut daran verdienen sollten. Dazu können sie einerseits mit eigenen Lösungen auftreten, andererseits auch mit Drittanbietern kooperieren.

"In Europa wird im Bereich der industriellen Massenfertigung viel passieren", erwartet Eisl, der etwa im Maschinenbau Anwendungsmöglichkeiten ortet. Etwa indem Telekoms die in der industriellen Produktion entstandenen Daten analysieren und zur Optimierung von Planung und Prozessen nutzen. Verschiedene Leistungen und Lösungen wären auf einer Plattform gebündelt, um einen "One-Stop-Shop" mit Aufbau und Betreuung der Dienstleistungen und Rechnung aus einer Hand anzubieten.

Aufklärungsarbeit

Zunächst gilt es laut Eisl aber mit konkreten Anwendungsfällen Aufklärungsarbeit zu leisten, denn viele Unternehmen seien sich über die Anwendungsmöglichkeiten des Internets der Dinge noch gar nicht im Klaren. Dabei sollte der greifbare Anwendernutzen im Fokus stehen. Viele bereits verfügbare Angebote würden sich an technologische Vorreiter richten, womit die Mehrzahl der potenziellen Zielgruppe außen vor bleibe. Gerade im Mittelstand seien die meisten Firmen in Sachen Digitalisierung noch mit Grundlegenderem beschäftigt.

Aus Eisls Sicht ist ein kundenorientierter Ansatz bei Produktentwicklung und Vertrieb im Internet der Dinge der Schlüssel zum Erfolg, mit dem Ziel, für einfache Anwendungen schnell umsetzbare, unkomplizierte Lösungen bereitzustellen. Dann könnten sich in der dritten Dekade nach dem Internethype die damals hochtrabenden Erwartungen der Anleger in die Ertragskraft der Telekomfirmen vielleicht doch noch erfüllen. (Alexander Hahn, 4.2.2019)